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Visionen Magazin interview

August 2002


Es scheint mir wichtig, von dem spezifischen Moment zu sprechen, wenn mich meine eigene Verpflichtung an den Punkt bringt, an dem mein Selbstschutz in Frage gestellt oder gar gefährdet wird. Wenn ich dann wahrhaftig bleibe, werde ich jedesmal mit meiner Angst konfrontiert, doch ich falle in ein tieferes, natürliches Vertrauen und in eine vorher nicht gekannte stille Wahrheit. Aus diesem Grunde möchte ich dieses Thema nun mit dir ansprechen.


Heutzutage wird das Sprechen über die Wahrheit häufig zum Reden über irgendein mystisches Denken. Dieses Denken war in unserer Gesellschaft noch vor einigen Jahren gänzlich unbekannt, wird aber jetzt recht geläufig. Die Worte der Heiligen und Weisen finden Akzeptanz in unserer Kultur und werden mittlerweile sogar in der Werbung benutzt. Kannst du dieses Thema „Wahrheit" erklären?

Die Suche nach der Wahrheit geht zurück bis in die Zeit, da die Menschheit die Fähigkeit entwickelte, das Bewusstsein sozusagen auf sich selbst zurückschauen zu lassen.


Das Ego nimmt sich "meine Wahrheit" und benutzt sie zur Verteidigung der eigenen Grenzen und Parameter, um zu vermeiden, dass es der Leere der Nicht-Existenz unmittelbar begegnen muss.


Und die Wahrheit wird hier gefunden: indem man sich der vollkommenen Leere, die vor Zeit und Raum ist, stellt und sich dem hingibt. Diese Wahrheit offenbart die zeitlose, raumlose, namenlose Totalität.


Ein vollständiges Anhalten im Momentum des Gedankenstroms enthüllt subtile Anhaftungen an ego-bezogene Form. Wenn diese Lügen erst einmal aufgedeckt und untersucht werden, sind sie Pforten zur Erkenntnis einer tieferen Wahrheit. Das ist ein endloses Spiel, welches das Bewusstsein mit sich selbst spielt, indem es sich auf immer subtilere Art und Weise offenbart.


Kannst du uns sagen, wem du dein Leben gewidmet hast?


Mein Leben steht im Dienst des Erwachens aller Wesen.


Und was ist die Einladung an jeden?


Aufzuwachen.


Was ist zu tun oder zu lassen, damit diese Einladung gehört wird?


Halt einfach inne, gerade da, wo du in diesem Moment eben bist. Das Bewusstsein hinter den Augen, die diese Worte hier gerade lesen, bleibt stehen. In diesem Moment des Innehaltens ist Offenheit, ein Wegfallen von Glauben, Meinung, Vergleichen, Konzept und Gedanken. Dieses Anhalten enthüllt die immer gegenwärtige stille Intelligenz.


Worin liegt der Nutzen von Satsang hierbei?


Satsang ist die Begegnung mit der Wahrheit, von Angesicht zu Angesicht.


Was ist in diesem Fall die Beziehung zwischen "wahrem" Satsang und den zahlreichen Treffen von Leuten, die hier stattfinden und Satsang genannt werden?


Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Außer in meinen eigenen Treffen war ich nur mit meinem geliebten Lehrer, Papaji, in Satsang, und mit meiner geliebten Frau, Gangaji. Es scheint dass die meisten, obwohl sie die Transmission der Stille empfangen haben, aus welchen Gründen auch immer dazu neigen, sich für gewöhnlich wieder ihrer Trance zuzuwenden – dem, was der ego-bezogene Verstand als die "wirkliche Welt" bezeichnet.


Das kann man nicht dem Lehrer anlasten. Es hängt mit der Bereitwilligkeit und der Reife des Schülers zusammen. Viele Tausende von Menschen waren mit Ramana Maharshi in Satsang zusammen und tatsächlich sind nur einige wenige erwacht.


Ich sah, wie sich eine große Kommune um Papaji bildete, von denen die meisten Leute nicht wirklich am Erwachen interessiert waren, sondern lediglich an der Szene um den Guru. Ich hörte ihn sagen: "Seid ehrlich, wenn es jetzt ein Straßenfest da draußen gäbe, ihr würdet Satsang verlassen und wärt schon längst zur Tür hinaus." Er pflegte zu sagen, dass diese Leute nicht bereit dazu wären aufzuwachen. Dem Lehrer kann man das nicht zum Vorwurf machen.


Andererseits gilt auch Folgendes: Ich war einmal mit Papaji in Satsang, und jemand befragte ihn zu all den falschen Lehrern. Er sagte, es sei deshalb, weil es so viele falsche Sucher gebe und dass sie alle einen Guru brauchen. Er sagte, dass es Schäfer gäbe, solange es Schafe gibt. Wer die Schafe und die Schäfer sind, kann ich nicht sagen, aber wenn du innerlich ruhig bist, wird alles klar und offensichtlich.


Es macht nichts, ob der Schäfer sich nun der Sprache von Satsang bedient oder der des Korans oder der Bibel oder der Lehren des Buddha. Es mögen die richtigen Worte sein, aber für die, die sehen können, sind gewisse Zeichen offensichtlich. Die Schäfer führen oft die Herde mit Stäben an, die aus Glaubenssätzen, Konzepten und hohen spirituellen Idealen gemacht sind.


Nur jemand, der dem Universum den Rücken gekehrt und die Vernichtung erfahren hat, kennt das Geheimnis der anderen Seite.


Dieser tiefe Ruf der Wahrheit bringt natürlicherweise Veränderungen in unser Leben. Das kann mitunter sehr überraschend eintreten, und manchmal neigen wir dazu, das zu kontrollieren und einer neuen Kultform beizutreten. Was sind die neuen Kultformen in der Spiritualität und was ist deine Empfehlung?


Bei einem Kult handelt es sich um eine kollektive Trance. Nehmen wir den Kult von Moses. Das Judentum, die Christenheit und die moslemische Welt leben in den Folgen dieser Trance – dass ein zorniger, eifersüchtiger Gott zu Moses gesprochen hat.


Wenn man dieser Tage die Stimme Gottes vernimmt, die dir dein Verhalten vorgibt, wird man dich höchstwahrscheinlich mit Anti-Psychotika behandeln. Seit Moses hat Gott bestimmte Regeln aufgestellt hat und wenn du Gott jetzt nicht gehorchst, dann kommst du in die Hölle; und wenn Gott dir lächelt und auf deiner Seite steht, dann ist es gut und richtig, deine Feinde zu erschlagen.


Für Tausende von Jahren wurden wir in den meisten Teilen dieser Erde in diesen Kult hineingeboren. (Nicht, dass der Osten mit den Kultformen des Buddha und den Hindu-Göttern besser wäre.) Aus diesem Kult entsteht die Krankheit von Kreuzzügen und dem dazugehörigen Virus der Missionare.


Alle Subkulturen innerhalb des allgemeinen Kults haben dieselbe Struktur, von der Mafia-Familie bis zum entsprechenden Gotteshaus in der jeweiligen Nachbarschaft. Jeder institutionalisierte Gottesdienst ist eine Kulthandlung. Im institutionalisierten Gottesdienst werden Schutzgottheiten als Idol verehrt, von denen man sich durch Opfergaben Belohnungen verspricht.


Den neuen Kultformen, die auftauchen, liegt immer eine Konzeptualisierung von Halbwahrheiten zugrunde. Jede Äußerung der Wahrheit kann zu einem Konzept werden, das dazu dient, den direkten Kontakt mit dem Unbekannten zu vermeiden. Auf diese Weise kann das Ego unter dem Mantel der Spiritualität weitermachen.


Mein Lehrer sagte, dass man jedem Papagei die Worte von Freiheit beibringen könne. Und allein diese Worte zu hören kann schon einen enormen Schock auslösen. Aber der Papagei kann nur die Worte wiederholen, er kann nicht mit dem Mind des Suchenden arbeiten.


Der Papagei strahlt nicht die stille Transmission des authentischen Seins aus. Dennoch, wenn ein wahrhaftiger, aufrichtiger Sucher mit einem Papagei zusammensitzt und die Wahrheit des Bewusstseins auf den Papagei projiziert, kann der Papagei als Werkzeug der Erleuchtung dienen. Der wahre, wahrhaftige Sucher ist das entscheidende Ingrediens. Dann ist sogar ein Papagei von Nutzen.


Ich rate jedem, es für sich selbst herauszufinden. Zwischen dir und deinem Selbst ist nichts anderes vonnöten. Du hast alle Fähigkeiten, um für dich selbst herauszufinden, was wahr ist. Nichts muss geglaubt werden.


Ich begegne manchen Leuten, die jahrelang meditiert haben. Dann gehen sie plötzlich eine neue Beziehung mit jemandem ein und es scheint ihnen, als ob sie das, was sie durch die Meditation erreicht zu haben glaubten, wieder verlieren. Sie können sich dem, was aufkommt und geschieht, nicht stellen oder können es nicht ertragen – Sexualität, Gewalt, Verlangen usw. –, sie ertragen die Welt nicht, so wie sie ist.


Was hilft in diesem Fall? Und wie kommt es, dass die lange Erfahrung mit der Meditation sie nicht darauf vorbereitet hat, sich dem, was ist, zu stellen? Was macht den Unterschied aus?


Was immer erlangt werden kann, wird schließlich wieder verloren gehen. Die Wahrheit deiner selbst zu erkennen bedeutet nicht, dass etwas Neues erlangt wird. Es bedeutet ganz einfach, dass man aufhört, nach allem anderen auszugreifen.


Meistens geht es bei der Meditation darum, etwas in der Zukunft zu erreichen, einen ruhigeren Mind z.B., oder dass man es leichter hat. Selbstverständlich ist das erstrebenswerter als das Aufkommen von Gewalt, Ignoranz und Gier. Allerdings können auch in der beruhigenden Wirkung dessen, was häufig Meditation genannt wird, unterbewusste Identifikation und negative Kräfte weiter unerforscht und im Verborgenen liegen.


Wahre Meditation ist Intelligenz, reines Gewahrsein, das die eigene Herkunft erforscht und sich an den Ursprung hingibt.


Ich hatte in meinem Leben nie nach einem so genannten Meister gesucht. Du kamst in mein Leben durch meine Freunde und wurdest mir als ein Meister vorgestellt. Ich war sehr beeindruckt von all den Projektionen an Macht und Hoffnung, die auf dich gerichtet wurden.


In meiner Begegnung mit dir bin ich eine neue Verpflichtung eingegangen. Zuvor hatte ich mich verpflichtet, gute Beziehungen aufrechtzuerhalten, trotz allem, was in ihnen vor sich ging. Ich ging davon aus, dass die Liebe stärker ist und klarer sehen kann als ich es vermag.


Und irgendwie wartete ich darauf, dass die Dinge sich aufgrund meiner Liebe verbesserten. Wie durch ein Wunder hast du mir gezeigt – zumindest kann ich es nicht verstehen noch erklären – dass ich zu einer viel tieferen Verpflichtung eingeladen bin; dass das Leben jenseits der Grenzen existiert, innerhalb derer ich mich hingegeben hatte.


Hingabe hat mich getroffen, und sie trifft mich noch, sie bringt so etwas wie einen fortwährenden Fluss der Selbsterkenntnis und Ereignisse mit sich, die mich lebendig halten. Das ist schwer zu erklären. Du inspirierst mich dazu, mich mehr und mehr hinzugeben, und das ermutigt mich, noch tiefere Verantwortung für eine gänzlich offene Verpflichtung anzunehmen.


Was ich dir gerne mitteilen möchte ist meine Entdeckung dessen, wie wichtig diese so genannte Meister-Schüler-Beziehung ist. Und dass sie für mich auf ganz persönlicher Ebene stattfindet, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ihr Thema ist die Vertiefung meiner Verpflichtung an die Wahrheit, und mir zeigt sich, wieviel Freude, wieviel Liebe das Leben enthält.


Heute ist es mein hauptsächliches Anliegen, auf diese Größe so gut ich nur kann zu antworten, auch wenn es unmöglich erscheint, dass ich jemals zurückgeben kann, was ich erhalten habe.


Könntest du uns etwas von der Schönheit und der Liebe in deiner Beziehung zu den Menschen mitteilen, denen du auf der ganzen Welt begegnest? Und warum du dieses Jahr nach Deutschland kommst?


Mein Lehrer sagte einmal, der wahre Schüler hätte keinen Kopf und der wahre Lehrer keine Lehren. In der mysteriösen Begegnung zwischen keinem Kopf und keinen Lehren findet auf die intimste Art und Weise eine Übermittlung von Stille statt. Ganz und gar persönlich und wahrhaftig unpersönlich schaut und bestätigt die Liebe sich selbst.


Die Glückseligkeit in einem solchen Treffen lässt sich nicht in Worte fassen und ist gleichwohl die Quelle aller großen Kunst, aller Poesie und Sutras.


Die Leute projizieren alle möglichen Ebenen auf den so genannten Lehrer. Für einige ist der Lehrer eine Vaterfigur, für andere ist er ein Liebesobjekt oder eines, das Furcht einflößt. Einige fühlen sich angezogen, andere abgestoßen. Manche kommen ganz nah heran und andere bleiben in großem Abstand. All das kann für sich genommen richtig und angemessen sein, es kann genauso gut eine Vermeidungsstrategie, eine Flucht sein.


Eines der großen Geschenke, die ein Lehrer mit sich bringt, ist, dass dir der Lehrer deine Lügen nicht abnimmt. Der wahre Lehrer durchschaut dich und deine Projektionen. Der wahre Lehrer weiß, dass sich Meister und Schüler in Wirklichkeit nicht unterscheiden.


Doch insofern, als Meister und Schüler in Erscheinung treten, ist der Meister das Feuer und der Schüler das Holz. Wenn das Holz, das zum Feuer kommt, grün und feucht ist, wird es viel rauchen und knistern und Funken sprühen, bevor es sich richtig entzündet. Aufgabe des Schülers ist es, mit voller Aufmerksamkeit die Flamme zu schüren.


Aufgabe des Meisters ist es, nachdem die Flamme übertragen wurde, darauf zu achten, dass keiner der Scheite aus dem Feuer rollt. Wenn alles verbrannt ist und das Feuer seine Aufgabe erfüllt hat, ist das, was übrigbleibt, die Wahrheit der Existenz.


Du hast mich nach dem Grund gefragt, warum ich nach Deutschland reise. Als Jude, der ich mit intensiven Gefühlen von Angst und Hass Deutschland gegenüber aufgewachsen bin, der ich mich an meinen Tod im Warschauer Ghetto erinnere und der ich mich in dieses Leben hineingeweht fühlte mit dem festen Entschluss, so viele wie ich nur konnte umzubringen, während sie kamen, um mich zu holen - auf der ganz persönlichen Ebene ist es eine solche Freude, tiefe Liebe und wahre Herzen zu finden, die in so vielen deutschen Körpern leben.


Es scheint, dass die Verwundung der deutschen Psyche eine tiefere Möglichkeit geschaffen hat, sich der Liebe zu öffnen sowie ein tiefes Verlangen, Wahrheit und Freiheit zu entdecken. Andererseits kam ich gerade von Costa Rica, wo die Reife aus einer Gesellschaft kommt, die auf Frieden und Verständnis gründet.


Es ist so schön, dieselbe Süße und Tiefe der Hingabe auch dort zu sehen. Und als Amerikaner bin ich natürlich im "Bauch des Ungeheuers" aufgewachsen, wie wir es zu nennen pflegten, und dieses Feuer hat auch hier viele reife Seelen in die Welt gebracht. So können alle Umstände auf unserer Mutter Erde zum Reifungsprozess beitragen. Alles Leben hat die Fähigkeit, Liebe und Wahrheit widerzuspiegeln. Was für einen karmischen Tanz diese Liebe darstellt.


Alle Darstellungen sind lediglich das: Darstellungen. Nur eine Vorstellung. Die Vorstellung ist nicht die Wirklichkeit, und doch spiegelt sie die Wirklichkeit sehr gekonnt wider, nur eben auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekehrt. Leerheit, zurückgespiegelt als Substanz, welche alle Form erscheinen läßt, die sich bei näherer Untersuchung wiederum als leer erweisen.