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Connections Magazine interview

Interview mit Gangaji and Eli, April 2003


Auf dem Weg zum Dienst an der Liebe und Weltfrieden


Verrat ist ein Wort, das für meine Ohren sehr dramatisch klingt. Es klingt nach Verdammnis und Todesstrafe. Man verrät sein Land, seine Kirche, seinen Glauben, man missbraucht das Vertrauen seiner Mitmenschen, man bricht seine eigenen Gelöbnisse, man verrät die Wahrheit, und so weiter. Was meint ihr, wenn ihr über Selbstverrat sprecht?


Eli und Gangaji: Im Verlauf der Jahre, in denen wir mit tausenden von Menschen sprachen, konnten wir beide bei vielen sehen, wie in ihnen Momente wahren Verstehens aufblühten. Ein Augenblick der Ausweitung und eine Erfahrung der Selbsterkenntnis, die unendlich weiter ist als das, was sich auf einen individuellen Körper-Geist beschränkt.

 

Wenn nach dieser Selbsterfahrung der Mind* aktiv wird und die Erkenntnis als "meine" Erkenntnis für sich verbuchen will – das ist der Selbstverrat. Aus diesem anfänglichen Selbstverrat heraus wird nun entweder egobezogene Selbsterhöhung oder -herabsetzung auftauchen. Indem wir mit dem Enneagramm auf tieferen Ebenen arbeiten, können wir auf die besonderen Mechanismen bestimmter Mind-Aktivitäten hinweisen und damit die Neigung zum Selbstverrat aufdecken. Dieses Aufdecken offenbart, dass es eine Wahl gibt, eine Möglichkeit der Entscheidung, wo gewöhnlich angenommen wird, dass eine Wahl nicht möglich ist.


Beim falschen Selbst handelt es sich um das, wofür man sich (denkend) hält, sei es nun großartig oder wertlos und klein. Das wahre Selbst ist eine grenzenlose Ausweitung bewusster Intelligenz.


Wenn wir von Selbstverrat sprechen, meinen wir, dass durch den Dienst am falschen Selbst das wahre Selbst verraten wird. Das falsche Selbst nennt sich "ich selbst", aber es basiert auf Ignoranz, auf Furcht und Gier. Solange du der egobezogenen Selbstsucht dienst, verrätst du die reine, liebende Intelligenz, die das wahre Herz ist. Solange du den Gedanken folgst und nicht der Liebe, solange du den Stimmen glaubst in deinem Kopf und nicht der Klarheit der offenen Leere, solange wirst du dich verraten.


Wenn du dich selbst verrätst, verkaufst du dich um der Sicherheit willen oder um Bequemlichkeit oder wegen des Vergnügens. Du bezeichnest deinen Körper und den Namen, den er hat, als dein wahres Selbst. Diese Verleugnung deines wahren Selbst ermöglicht auch den Verrat an allen anderen. Wenn du der Liebe treu bist, kannst du deine Mitmenschen nicht verraten.


Wenn du – statt der Erkenntnis, dass du dem Wesen nach formloses, unendliches Sein bist – dich stattdessen nur als ein "menschliches Wesen" bezeichnest, dann verrätst du dich und fährst aufgrund dieser Ausrede fort, eigennützige Wünsche und Fantasien auszuleben. Eigennütziges Verlangen und eigennützige Fantasien verursachen Leid. Das lässt sich überall erkennen, auf der Weltenbühne und in unseren individuellen Beziehungen.


In den USA lädst du seit dem letzten Herbst die Menschen zu Retreats ein, die du mit Gangaji zusammen hältst und deren Thema lautet: "Den Selbstverrat aufdecken". Es ist neu, auf diese Weise die Leidensmuster direkt anzusprechen. Gewöhnlich richtet sich die Einladung an die Begegnung der Stille, an die Entdeckung der Liebe, an die Vertiefung der Erkenntnis der Wahrheit, etc. Was ist der Grund dafür?


Eli und Gangaji: Unser Lehrer, Papaji, hatte einen radikalen Plan.


Ramana Maharshi, Papaji's Lehrer, war ein Heiliger und ein Sadhu, der nichts besaß und weder Kinder noch weltliche Verpflichtungen hatte. Ramana hat sich nicht in das Weltliche verwickelt.


Papaji war Familienvater und hatte einen Haushalt zu versorgen. Er war Offizier in der britischen Armee, bevor Indien unabhängig wurde; er war verheiratet und hatte zwei Kinder großzuziehen, er hatte infolge der Teilung Indiens eine große Zahl von Familienmitgliedern durchzubringen, die aus Pakistan geflohen waren. In alledem war er ein weltlicher Mann.


Sein radikaler Plan war es, Satsang über die ganze Welt zu verbreiten und somit den Weltfrieden und die Liebe zu fördern. Es war sein Gebet, dass alle Wesen im Universum in Liebe und Frieden leben mögen. Um das zu ermöglichen, entsandte er Menschen in die ganze Welt, um Satsang zu halten und zu erklären, dass es möglich sei, auf der Stelle zu erwachen.


Weil diese Lehren so subtil sind, bewegt man sich hier auf des Messers Schneide. Und weil Papaji jedem auftrug, Satsang zu leben und Satsang zu sprechen, und weil er wahre Lehrer aussandte und dazu jeden, der (lediglich) einen Einblick hatte, ist es sehr leicht, von des Messers Schneide abzufallen.


Wir haben im Verlauf der Jahre gesehen, dass viele Menschen die Worte gelernt haben, und viele Menschen können eine persönliche Kraft ausstrahlen, während sie die Worte der Freiheit sprechen. Die Worte an sich haben eine solche Kraft, dass sie eine Wirkung erzeugen, selbst wenn ein Papagei sie ausspricht.


Aber selbst wenn alle Wörter richtig sind: wenn es an Tiefe fehlt oder wenn man auch nur im mindesten irgendwo landet oder nur zu 99 Prozent wahrhaftig ist, dann gibt es noch einen Klumpen an Ego-Identität, der sich schließlich zeigen wird; im allgemeinen, nachdem das offene Treffen vorüber ist, und für gewöhnlich geht es dabei um Sex, um Macht und Geld.


Satsang hat mittlerweile seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Es bedeutete, mit einem vollständig selbst-verwirklichten Sadguru zu sitzen, der die Stille und die Freiheit übermittelt. Da mittlerweile jeder, der einen Einblick gewonnen hat, Satsang hält, ist es zu einem Konzept geworden und zu spirituellem Ballast. Es wird zu einer neuen Religionsform und zu einem Gift anstatt von Medizin.


Um in der Wahrheit deiner selbst verwurzelt und gefestigt zu sein, musst du gewillt sein, die Lügen und die falsche Identität zu sehen, die dein ganzes Leben bestimmt haben. Indem du siehst, auf welche Art und Weise du dich selbst verrätst, kommst du hinter die Zaubertricks und deckst sie auf, denn wenn du sie durchschauen kannst, verlieren sie die Kraft, mit der sie dich gebunden haben. Auf diese Weise übernimmst du die direkte Verantwortung für deine eigene Situation. Du musst nicht mehr auf den nächsten Satsanglehrer warten, der nächste Woche vorbeikommt.


Zwischen einem wahren Lehrer und einem wahren Schüler besteht eine echte Beziehung. Es ist eine Herzensangelegenheit, ein geheimnisvolles Band der Liebe. Das lässt sich nicht in angemessen Worten ausdrücken. Der Lehrer sorgt für die Übermittlung von Stille und Freiheit und hat die Aufgabe, den ernsthaften Schüler zur vollständigen Festigung zu führen.


Aber ein Lehrer kann dich nur in dem Maße tiefer führen, wie er selber darüber hinaus gegangen ist.


Wir verweisen dich also sowohl auf die Wahrheit deiner selbst als auch auf die Fallen und die unterbewussten Neigungen, die dich in wieder in unnötiges Leiden zurückziehen können.


Was mir sofort gefiel, Eli, als ich dir zum ersten Mal begegnete, war deine Aufforderung zur Verantwortung. Ich war sehr misstrauisch in Bezug auf die Idee, dass wir die Welt, das alltägliche Leben verlassen müssen, um die Wahrheit über uns selbst zu entdecken.


Einem Teilnehmer hast du folgendes gesagt: "Wenn du wirklich Frieden willst, musst du zuerst den Krieg beenden da, wo du bist." Es war eine direkte Übertragung deiner eigenen Verpflichtung. Und je öfter ich dir in den Retreats begegne, umso mehr fühle ich mich dem Frieden verpflichtet, und zwar da, wo ich gerade bin. Könnt ihr beide uns dazu etwas sagen, zu diesem Beenden des Krieges da, wo wir gerade sind?


Eli und Gangaji: Sofern du lediglich auf die Umstände in deinem Leben reagierst, kannst du nicht verantwortlich sein. Um fähig zu sein, angemessen auf eine Situation zu antworten, musst du dir der unterbewussten Reaktionen bewusst sein, welche das Leben der meisten Menschen bestimmen. Um von diesen Mustern frei zu sein, müssen sie an die Oberfläche und ans Licht gebracht werden.


In jedem von uns ist Krieg: Ein tiefer Impuls zum Guten, zu lieben und wahrhaftig freundlich zu sein; und ein egoistischer Impuls, abzuwehren, sich zu verstecken und Recht zu haben. Die Impulse des Herzens zu Offenheit und Frieden sind für den egobezogenen Überlebens-Imperativ mit seinen verschlossenen und bewachten Türen äußerst schreckenerregend.


Wir alle können das Grauen in der Welt sehen. Vielleicht können wir auch sehen, dass die Zerstörungswut, die Kriege, die ökologische Verwüstung dem Mind entwachsen, der von Ignoranz und Angst und Gier erfüllt ist. Es ist immer leichter, diese Eigenschaften bei seinen Feinden zu erkennen. Aber bist du bereit, die Ignoranz, die Angst und die Gier aufzudecken, die knapp unter der Oberfläche in deinem persönlichen Leben ablaufen?


Indem du dich deinen Dämonen stellst und die reglose Stille entdeckst, die bereits in Frieden ist, kann der Krieg in deinem Innern beendet werden. Wenn du dich mit dir selber nicht im Krieg befindest, kannst du wirklich dazu beitragen, dass der Krieg in der Welt zu Ende kommt.


Dies ist die Zeit der großen Reinigung aus den Prophezeiungen der Hopi, der Maya und anderer alten Völker. Diese Reinigung muss in jedem Herzen geschehen, einer um den anderen, als ein Akt des freien Willens und der freien Wahl. Es ist ein bewusster Akt des Opferns. Die Selbstsucht wird hingegeben – im Dienst der Liebe und des Weltfriedens.


* Mind: Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung dieses Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus, Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)