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Wegweiser Magazine interview

Juni 2003


Wo liegen die Wurzeln für all diesen Wahnsinn? Nicht nur im Irak, auch im Kongo, in Afghanistan, in China und Korea, überall auf der ganzen Welt? Ständig fügen wir diesem wunderbaren Planeten und uns selber Schaden zu; was ist der Grund für dieses Handeln?


Alles Leiden hat seine Wurzeln in der Ignoranz. Es ist Ignoranz, welche in der menschlichen Psyche Angst, Gier und Aggression aufsteigen lässt. All der Schrecken in der Welt, den wir zur Zeit erleben, lässt sich auf Ignoranz zurückführen; aus ihr entsteht die Selbstsucht, die als Angst und Gier und Aggression erscheint.


Ignoranz bedeutet: die Wahrheit der Situation wird ignoriert. Wenn man die Dinge ignoriert, neigen sie dazu, unbewusst oder knapp unter der Oberfläche abzulaufen.

Wir wollen das, was ignoriert wird, einmal genauer betrachten. Das menschliche Triebwesen ist anatomisch gesehen ein fleischfressender Primat. Wie bei vielen Primaten, die am oberen Ende der Nahrungsmittelkette angesiedelt sind, besteht ein tiefsitzender Drang nach territorialem Besitz, es ist ein Überlebensmechanismus. Für viele Spezies bilden Aggression und Dominanz in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung erfolgreiche Überlebensstrategien. Bei einigen Arten markiert das Männchen sein Territorium, indem es darauf uriniert. Unglücklicherweise stellt sich das Verhalten des Homo sapiens zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht viel anders dar.


Solange die Menschheit nicht zur nächsten Entwicklungsstufe gelangt ist, werden wir weiterhin unsere animalischen Triebe ausleben, oftmals unter dem vorgeschobenen Vorwand hoher Ideale. Alle Tiere werden angetrieben und beherrscht vom biologischen Imperativ, der dazu dient, die DNS weiterzugeben und zu erhalten. Das Überleben des Einzelnen ist nur insoweit nützlich als es den Gen-Pool fördert.


Beziehungen innerhalb der Familie, Liebesbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Gefühle von Nationalismus und Patriotismus – alle beruhen sie auf Ignoranz und werden angetrieben von dem Drang, das Überleben der DNS zu gewährleisten. In ferner Vergangenheit waren Aggression, Gewalt sowie das Leben in der Gruppe als Schutz vor Gefahren notwendige Überlebensmuster.


Räuberisches Jagdverhalten und das Zusammenrotten in immer größeren Einheiten zur Verteidigung des eigenen Territoriums war für die menschliche Familie eine wichtige Überlebensstrategie. Unsere tiefsitzenden biologischen Schaltkreise haben das Signal noch nicht empfangen, dass die Muster, die früher einmal funktionierten, heute eine gefährliche Fehlfunktion darstellen.


Wenn wir auf unsere nächsten Artverwandten sehen, erkennen wir, dass jede einzelne Primatengruppe von einem dominanten Männchen angeführt wird. Den Silberrücken-Gorilla in menschlicher Form haben wir im Obersten Kriegsherren, im Oberhaupt der Mafia-Familie und im Tyrannen einzelner Nationen. Das Alpha-Männchen als Affe kann sich mit einer Vielzahl der Weibchen paaren, was die weitere Verbreitung seiner Gene sichert; er bekommt zudem das beste Essen und den ersten Platz in der Warteschlange. Dafür ist er der Haupt-Beschützer der Bande. In vielen Ländern, in denen das Gesetz keine Anwendung findet, wie in Nordkorea beispielsweise oder bei den Warlords in Afghanistan sowie in vielen Stammesgesellschaften wie Serbien und dem Iraq, finden wir Gesellschaften, die vom Silberrücken-Kult regiert werden.


Innerhalb der menschlichen Entwicklung ist dann zu einem relativ späten Stadium der göttliche Imperativ hervorgebrochen. Indem wir unsere Welt in seiner Bedeutung zu erfassen suchten, haben wir dem Wetter wie auch anderen Kräften, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, göttliche Eigenschaften beigemessen. Wir haben versucht, die Elemente durch Anbetung und Unterwerfung zu beherrschen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen, brachten wir Blutopfer dar und hofften damit, die Götter milde zu stimmen.


Es wurde schließlich klar, dass man mit dem rechten Glauben an einen Gott, der über dir wachte und im Falle deines Sterbens auch im Leben nach dem Tode für dich sorgen würde, für den eigenen Stamm ein weitaus besserer Kämpfer war als jene Heiden, die keinen Gott hatten. Als dies im Gen-Pool langsam durchsickerte, hatte bald jedermann einen Gott, und damit war dieser Überlebensvorteil eliminiert – bis zu dem Zeitpunkt als die alten Hebräer der Welt die Stirn boten und mit der folgenden Erklärung auftrumpften: Es gibt nur EINEN Gott, und die hebräischen Stämme sind Sein auserwähltes Volk!


Und so begann eine weitere Eskalationsrunde in den Überlebenskriegen der Primaten, bis schließlich der größte Teil der Welt für sich in Anspruch nahm, es gebe nur einen Gott – und er beschützt uns gegen die anderen.


Es ist erstaunlich, dass der Gottesglauben der meisten Menschen auf der Erde in unserer Zeit noch immer einer primitiven Sichtweise anhängt, die Gott als Wesenheit irgendwo da draußen existierend angesiedelt hat, wobei Gott auf ihrer Seite steht und sich um den Ausgang von Kriegsgefechten kümmert.


Diese fundamentalistische Sichtweise religiöser Kulte, egal ob christlich, jüdisch oder muslimisch, ist ganz offensichtlich die Ursache großen Leides.


Bezogen auf den gegebenen Kontext haben sich fundamentalistische Terroristen der Regierung der Vereinigten Staaten bemächtigt. Mit glühendem Eifer glauben sie daran, dass Gott auf ihrer Seite steht, indem George Bush nach der Tragödie am 11. September zu einem neuen Kreuzzug aufrief. Sie glauben, dass sie die Guten sind, die gegen das Böse kämpfen. Nicht anders als ihre Opponenten, die fundamentalistischen Terroristen und wahnsinnigen Diktatoren der Gegenseite, die sich ebenfalls ganz sicher sind, dass Gott auf ihrer Seite steht.


Das Ego, das an sich selbstsüchtig, gierig, bedürftig, aggressiv und voller Angst ist, bedient sich religiöser Überzeugungen zu seiner eigenen Rechtfertigung und verschließt sich damit vor jeder aufrichtigen Selbsterforschung. Jeder Führer eines jeden Krieges und einer jeden Schandtat, die der Umwelt angetan wird, ist sich sicher, dass er recht hat.


Das ist die Krankheit der menschlichen Familie.


Was ist unser Anteil an dem Ganzen und was für Möglichkeiten haben wir?


Was die Sünde der menschlichen Ignoranz angeht, so sind wir alle schuldig, da es in Wahrheit nur einen Mind* gibt. Wir alle sind in eine Welt der Ignoranz und des Leidens hineingeboren und teilen diese Bürde. Die Möglichkeit, dass wir unsere Augen und Herzen dem ganzen Horror öffnen und den Schrecken erfahren, erscheint uns allzu überwältigend, so dass die meisten von uns vorziehen, mit geschlossenen Augen zu leben.


Aber jeder von uns trägt eine große Verantwortung und jedem von uns bietet sich eine große Gelegenheit. Wir alle, die wir Menschen sind, haben denselben Mind und dasselbe Herz wie der Buddha, wie Christus, wie alle Heiligen und Weisen und erleuchteten Wesen, die im Lebensstrom dieser menschlichen Familie erschienen sind.


Soweit ich es sehen kann, besteht die einzige Möglichkeit, diesen Wahnsinn zu beenden darin, dass jeder einzelne von uns sich weigert, daran teilzunehmen. Und das bedeutet, im tiefsten Sinne, dies: sich dem eigenen Schrecken zu stellen, der tief in jedem von uns existiert. Jeder von uns muss die Erfahrung der Ignoranz durchleben, muss den Ort aufsuchen, wo fundamentalistische Überzeugungen herrschen, wo Angst und Aggression und triebhafte Territorialansprüche hausen – und entdecken, was darunter ist, was tiefer liegt.


Was tiefer liegt ist der nächste Schritt in der Entwicklung des Menschen. Es ist die transzendente Erkenntnis, dass du nicht auf das animalische Menschsein begrenzt bist. Ich meine damit nicht, dass es dies lediglich zu verstehen oder zu glauben oder mit dem Denken zu erfassen gilt, vielmehr, dass du es unmittelbar für dich selber erkennst.


Es erfordert die Bereitwilligkeit, deiner persönlichen Identität als männchliches oder weibliches menschliches Triebwesen den Rücken zu kehren, und es scheint so als sei das der Tod. Du musst gewillt sein, dem Tod zu begegnen, bereit, alles zu verlieren, von dem du dachtest, es mache dich aus. In deiner Bereitschaft, über die persönliche Identität hinauszugehen, vollzieht sich im Menschsein ein Entwicklungssprung.


Wenn du weißt, wer du bist, bist du nicht in einer Identität gefangen, die sich als begrenztes Wesen erfährt, dem man ideelle Vorstellungen von Religion, Staat, Familie oder Bündnissen aufzwingen kann. Du stehst allein; und paradoxerweise machst du die Entdeckung, dass du mit allem eins bist. Indem du das realisierst, fügst du niemandem Schaden zu. Du bist die lebende Möglichkeit für alle Menschen. Dein Erwachen ist die Erlösung für alles Vorangegangene.


* Mind = Ich-Konzept. Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung dieses Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus, Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)