Language

 




KGS Magazin
Interview

Interview von Bertrand Coquoz
Hamburg, Deutschland - Januar 2005


Diese Aufforderung ist gerade heute so wichtig, wo wir uns Tag für Tag mit den Folgen von Ignoranz, Furcht und Gewalt in dieser Welt gegenübersehen. Es war genau dieser Satz, der mich zum Innehalten zwang, als ich dir das erste Mal begegnete. Mit dieser Einladung forderst du uns auf, Verantwortung zu übernehmen. Worin besteht diese?


Jeder Krieg basiert auf Ignoranz, und Ignoranz bringt Angst und Aggression und Gier hervor. Es herrscht sowohl ein externer Krieg mit der Außenwelt als auch ein interner mit der Innenwelt. Alle Egos führen diesen Krieg. Alle Egos haben Angst davor, nach innen zu fallen und fürchten sich davor, von der Außenwelt verschlungen zu werden.


Das Ego ist eine ungemein erfolgreiche Überlebensmaschine. Es erschien sozusagen als Software-Upgrade für die feste Vernetzung des menschlichen Triebwesens. Das Ego geht von der Annahme der Trennung aus, und jedes Objekt kann Nahrung sein – oder Jäger, Freude oder Schmerz, Überleben oder Tod. Da alles potentiell sowohl Bedrohung als auch Nahrung sein kann, muss nach außen hin eine unablässige Wachsamkeit aufrechterhalten werden.

Das Ego fällt Urteile, hat Zweifel, Pläne und Ideen für die Zukunft, um seine Wünsche zu erfüllen und seinen Ängsten zu entfliehen. All dies hat so erfolgreich funktioniert, dass die Menschen nunmehr die Erde überrannt haben, und das Ego, einmal die größte Überlebensmaschine, ist zu einem großen Gift geworden. Jeder von uns kann die Egoprobleme oder die Ignoranz im anderen sehen. Wir alle können sehen, wie andere selbstsüchtig, furchtsam oder aggressiv sind.


Indem wir das alles nach außen projizieren, tragen wir keine Verantwortung und haben auch nicht die Macht, etwas zu verändern. Wir mögen toben oder predigen oder versuchen ‚dem anderen' beizubringen, die Dinge aus unserem Blickwinkel zu sehen, aber es wird nichts nützen. Solange es einen Feind gibt, ist jemand anderer verantwortlich. Das ist die Polarisierung des egobezogenen mind. Es ist dieses Empfinden der Entfremdung, die das Töten ermöglicht.


Vollständige Verantwortung übernehmen: das bedeutet nicht die Verleugnung dessen, was du in anderen sehen magst, es bedeutet vielmehr, dass deine Aufmerksamkeit auf dich selber gerichtet ist. Wenn du gewillt bist, deine eigene Ignoranz, Bedürftigkeit, Angst und Aggression freizulegen, kannst du auch die entsprechende Verantwortung annehmen, und darin hast du einen festen Stand und musst all das nicht ausagieren. Diese Integrität führt zur tieferen Erkenntnis der Wahrheit deiner eigenen Natur. Mitten in der Form wird dem begegnet, was alle Formen transzendiert.


Wenn der Schleier der Ignoranz durchschaut wird, scheint die strahlende, intelligente Liebe als deine Natur hindurch. Wenn du dies selber unmittelbar erkennst als Ursprung des Friedens und der Liebe, dann bist du ein weiterer Flecken des Friedens auf Mutter Erde.


Wenn du sagst, dass es meiner Wahl unterliegt, den Krieg da zu beenden, wo ich bin, ist es mir eigentlich gar nicht möglich, noch von einer Wahl zu sprechen. Da doch mein tiefstes Sehnen nach Frieden, nach Liebe und Stille ausgerichtet ist, wie könnte das denn erreicht werden, wenn ich den Krieg nicht beende, wo ich bin?


Ich habe gesehen, dass diejenigen, die sich für ihren egobezogenen mind entscheiden, meinen, es gäbe keine Wahl. Weil die identifikation mit dem egobezogenen Selbst unbewusst bereits gewählt wurde, scheint eine andere Wahl nicht möglich. Es bedarf eines bewussten Willensaktes, um diese vorherige Entscheidung zu durchtrennen. Diese Bereitwilligkeit, in der Suche nach der Wahrheit vorzudringen und die Lügen aufzudecken, ist alles was dafür notwendig ist.


Menschen, die dazu noch nicht bereit sind, sagen, dass sie nicht wissen, wie das gehen soll. Aber in Wirklichkeit weißt du es, wenn du bereit bist, ehrlich mit dir selbst zu sein. Du wirst sehen, wie du dich für die Ego-Identität entschieden hast. Du wirst erkennen, wo deine Anhaftungen, Ängste, Wünsche und Begierden in deiner Fehlidentifikation verwurzelt sind. Die Bereitwilligkeit, diese Ignoranz an seiner Wurzel zu kappen, ist die einzige wirkliche Wahl. Es ist die Entscheidung für die Freiheit. In dieser Wahl selbst offenbaren sich die Freiheit und die Liebe als deine eigene Natur. Das beendet den Krieg, wo du bist, schlussendlich und vollständig.


Das Beenden des Krieges kann sich in verschiedenen Bereichen meines Lebens ereignen, von den äußeren Aspekten bis hin zu seinen Wurzeln. Was bringt dies natürlicherweise mit sich und was zeigt es mir über mich selbst?


Wenn du gewillt bist, ganz und gar anzuhalten, ist das die wahre Freiheit. Freiheit ist das seltenste Geschenk auf diesem Sklavenplaneten. Wenn du gewillt bist, das Leiden, da, wo du bist, zu beenden, erkennst du die Wahrheit deines eigenen Seins. Diese Erkenntnis: dass deine wahre Natur schon freie, unsterbliche, stille Intelligenz ist, bedeutet die Befreiung von einer falschen Identität mit der Formenwelt als etwas, das getrennt von dir existiert. Es bedeutet das Ende des Krieges, sowohl im Außen als auch in deinem Innern.


Wenn die Verpflichtung an dieses Anhalten endgültig ist, wird dich die Außen- wie die Innenwelt testen. Es werden sich Umstände ergeben, die dich wieder in den alten Kampf verwickeln wollen. Alte, unerforschte Gefühle werden auftauchen, um dich wieder zurückzuziehen. Wenn du bei diesem Auftauchen still und reglos bleibst, werden die Splitter deiner rauhen Stellen abgeschliffen und die Ecken und Kanten deiner Abwehrmechanismen aus alten Kriegen ausgeglichen. Es ist das Geschenk, welches vergangenes Karma bereinigt. Mit der Zeit wirst du ganz natürlicherweise weich und rund, offen und zart sein, innen wie außen.


Für mich hat es den Anschein, als sei im Erwachen der Menschen etwas ganz Natürliches am Werk, als ob sich bestimmte Schritte ergeben oder Fragen auftauchen, die jedem von uns eine klare und tiefe Antwort abfordern. Und das führt dann zu einer tiefen Erkenntnis unserer wahren Natur. Könntest du etwas zu dem natürlichen Vertiefen und dieser Selbsterkenntnis als die Liebe, die wir sind, sagen?


Da die Liebe unsere Natur ist, entwickelt sich die Liebe ganz natürlich durch alle Form, bis sich eine Gelegenheit bietet, dass die Liebe sich ihrer selbst bewusst wird, auf sich selbst in Staunen und in Dankbarkeit zurückschaut. Der erste Schritt ist der Beginn des Lebens auf diesem Planeten. Alles Leben entwickelt sich mit der Mission zu überleben und sich fortzupflanzen, bis es an den Punkt gelangt, an dem wir uns derzeit befinden. Gerade dieser Mechanismus – zu überleben und sich fortzupflanzen – ist jetzt dabei, das Leben zu töten; und vielleicht setzt er ja ein genetisches Signal, dass es für uns alle an der Zeit ist, zu unserer wahren Natur als die Liebe, die wir sind, zu erwachen.


Es ist so wichtig, dass ich von jemandem in meinem tiefsten Wesensgrund erkannt werde und Bestätigung erfahre. Es hilft mir, damit ich mich nicht in endloser Suche weiter im Kreise drehe. Ist das ein Teil deiner Rolle als Lehrer, ein Teil von dem, was du den Menschen, die mit dir in einem Retreat zusammenkommen, mitbringst?


Ja, in der Bestätigung spielt der Lehrer eine entscheidende Rolle. Als ich meinen geliebten Papaji traf, wusste ich im selben Augenblick, dass alles, was ich als real und wirklich wusste, real und wirklich war. In eben dem Moment, da ich ihn sah, wusste ich, dass ich mein eigenes Selbst erblickte, in einer anderen Form. Er schaute mich voller Liebe an und bestätigte mich als dasselbe Selbst, das bestätigte. Er erzählte mir einmal, dass seine einzige Aufgabe die Bestätigung sei.


Der Schlüssel ist derjenige, der die Rolle des Schülers spielt. Der Lehrer bestätigt, und der Schüler muss offen sein, um empfangen zu können. Die Menschen nehmen an, es sei der Lehrer, aber in Wirklichkeit ist der Schüler der Schlüssel. Wenn der Schüler zutiefst aufrichtig und offen ist, intelligent und klarsichtig, dann wird die Bestätigung vollständig aufgenommen, vollständig in sich hineingenommen. Andernfalls wird die Bestätigung vom Ego missbraucht, um weiter mit seiner schlafwandlerischen Art des Seins fortzufahren. Wenn der Schüler bereit ist, erscheint auch der Lehrer. All dies ist ein göttliches Spiel der Liebe, die zu sich selber erwacht – als unsterbliches Bewusstsein.