Language

 




Connections Magazine Interview

Germany - May 2010

AMO ERGO SUM

Ich bin Liebe

 

»Das Ego ist das aktuellste Update des Betriebssystems der Hardware, die wir unser Gehirn nennen«, sagt Eli Jaxon-Bear, aber es gibt einen Ausweg aus dieser Gefangenschaft: die Entscheidung für die Liebe

 

Zu fragen, wie wichtig Liebe ist für das Sein, heißt, zu fragen, wie wichtig Licht ist für das Feuer. Feuer und Licht sind untrennbar, und das gilt noch mehr für das Sein und die Liebe. Liebe heißt Sein. Liebe ist das wahre Wesen des Selbst, und das Selbst ist die wahre Identität des Menschen.

Diese Identität ist jedoch bisher verschleiert worden. Wir stellen uns vor, wir seien getrennt. Getrennt von anderen, getrennt von Teilen unserer selbst. In dieser Abgetrenntheit erklären wir »Ich liebe« oder »Ich liebe nicht«. Jede dieser Entscheidungen verhüllt die Wahrheit der Liebe mit der falschen Identität von jemand, der »liebt«.

 

Begrenzte Liebe

Der Jemand, der liebt, ist einer, der glaubt, abgetrennt zu sein. In diesem Fall: abgetrennt von einem begehrten Objekt, das gefangen oder kontrolliert oder mit dem sonst was angestellt werden soll. Das sind normalerweise die Gründe, die dahinterstehen, wenn wir sagen: »Ich liebe«. »Ich liebe dich und brauche dich«. »Ich liebe dich, weil …«. Dabei ist das wahre Wesen verloren gegangen. Da ist nun ein »Ich«, ein »Du« und etwas, das Liebe genannt wird, das zwischen uns geschehen kann. Da wird die Liebe zu einem »meiner« Objekte, die ich haben oder verlieren kann, bekommen oder geben will. Das alles verhüllt die Essenz, die Liebe, das Sein mit der Idee von »Ich«.

Wer ist dieses »Ich«, das sich vorstellt, Liebe haben, verlieren, zurückhalten oder danach suchen zu können? Um diese Frage richtig beantworten zu können, lass uns noch einen Moment bei Descartes bleiben. Ich glaube nämlich, die Übersetzung von »cogito« ist: »Ich denke, dass ich bin«. Was er sagt, ist, dass die anderen Tiere nicht denken, und dass das Denken uns von ihnen absetzt. Und dass zweitens durch das Denken, dass »Ich bin«, wir uns noch weiter von den Tieren absetzen: »Ich bin ein separates Individuum, und mein Name ist René Descartes«.

 

Das Ego

Das ist die Basis des Egos. Das Ego ist die Ansammlung von Gedanken rund um den zentralen Gedanken, dass »Ich bin«. Dieser Gedanke ist die Wurzel des Ego und des Leidens. Ich denke den Gedanken »Ich bin René Descartes«. Ich glaube das, denn es wurde mir von meinen Eltern und der Gesellschaft so gesagt, und so bin ich dann. Gilt das nicht für uns alle? Wir alle beginnen mit diesem Kerngedanken.

Wir alle bekamen Namen, so wie wir sie unseren Haustieren geben. Mit diesem Benennen wurde eine Identität auf uns projiziert, und wir alle haben sie introjiziert. Das ist Teil der Übertragung von den Eltern auf die Kinder. So entsteht das Ego.

Dieser Gedanke, dass »Ich bin« und »Ich bin in Kontrolle. Ich weiß, was geschehen muss« scheint das zu sein, was uns am Leben erhält. Wir befürchten, ohne diesen Gedanken nicht überleben zu können. Aus diesem Gedanken, dass ich mein Name bin und mein Körper, resultieren alle Beziehungen. So beziehen wir uns auf uns selbst: Mein Körper, meine Eltern, meine Kinder, meine Karriere, meine Erleuchtung... Wer aber ist das, von dem ich denke, dass er alles dies hätte?

Dieses falsche »Ich« ist nichts Schlechtes. Es ist nicht falsch. Es ist kein Problem, dass jeder Körper so was hat. Tatsächlich ist das Ego eher das aktuellste Update des Betriebssystems der Hardware, die wir unser Gehirn nennen. Es hat die Evolution voran gebracht, durch Sprache, Kultur und Gedanken, so dass wir nun über uns selbst nachdenken und die Wahrheit über unser Sein herausfinden können. Wir brauchen mit dem falschen Selbst nicht zu kämpfen oder versuchen, es zu kontrollieren. Nur das Ego will urteilen und kontrollieren. Finde einfach heraus, was dieses »Ich« ist. Finde es heraus durch direkte Untersuchung und direkte Erfahrung.

 

Liebe ist unsere Natur

Wenn wir stattdessen umschalten zu »Ich liebe, deshalb bin ich«, dann schalten wir nur die Rolle des Ego vom Denken zum Fühlen um. Das liegt daran, dass das »Ich« nie sagt »Ich liebe«, sondern eher »Ich liebe dich« oder »Ich liebe diesen Sonnenuntergang« oder »Ich liebe, wie wir uns geliebt haben«. Das ist alles Ego-Identität, die das Wort »Liebe« verwendet, um sich auf Objekte zu beziehen.

Liebe ist unsere Natur. Sogar dann, wenn wir uns vorstellen, separate »Ichs« zu sein, ist diese Liebe das Substrat, der Grund, aus dem dieses »Ich« hervorgeht.

Nun zu deklarieren, dass »Ich bin Liebe«, ist eine radikale Feststellung der Wahrheit. Auf Sanskrit ist das Wort für das Selbst Satchitananda. Sat ist das ewige Sein oder wahre Selbst, der wahre Grund unserer Identität. Chit ist leeres, unsterbliches Bewusstsein. Die stille, leere Weisheit des reinen Wissens. Ananda ist Liebe. Dies ist das Selbst: unsterbliche, intelligente Liebe. Wenn du beim Nennen deines Namens dich hierauf beziehst, dann bist du glücklich, offen, klar, friedvoll und überfließend vor Dankbarkeit und Freude.

Stattdessen identifizieren sich die meisten von uns mit unseren Körpern als unserem Selbst. Wir glauben, wir seien dieser physische, emotionale und mentale Körper, der diese Empfindungen, Bilder, Töne, Gefühle und Gedanken verursacht, diese Ängste und Wünsche.

Dann versuchen wir an uns zu arbeiten, um ein besserer Jemand zu werden. Wir meditieren oder chanten oder fasten oder gehen auf Visionssuche, um diesen Körper-Geist-Apparat zu verbessern oder zu erleuchten. Wir fallen innerlich ins Schweigen, oder wir schauen nach dem »Ich« und sehen es verschwinden, wir versuchen, nur hier und jetzt zu sein. Alles das sind Strategien des Ego-Verstandes.

 

Befreiung

Es ist jedoch nicht der Körper, der erwacht. Der ist träge. Wenn das Bewusstsein beim Tod verschwindet, bleibt der Körper übrig und wird zu Erde. Es ist das Bewusstsein, das den Körper bewohnt, das von der falschen Identität als Körper erwacht. Das ist Befreiung. Das Jiva, das leidende Bewusstsein wird nun Jivanmukta genannt, die befreite Seele. Das ist das Ende der spirituellen Suche. Es ist für jeden möglich, hier und jetzt.

Wie manifestieren wir menschliche Wesen uns als Liebe? Liebe ist ein evolutionärer Sprung für die Menschheit, aber er geschieht auf individueller Basis. Jeder von uns, einer nach dem anderen, muss bewusst Freiheit und Liebe wählen. Diese Entscheidung ist uns nicht vorgeschrieben, wir wählen sie. Nur wer gerufen wird, wird diese Entscheidung treffen, die Tür dazu steht jedoch für jeden offen. Es ist eine Entscheidung zwischen Liebe und Ego, zwischen Freiheit und Sklaverei. Eine Entscheidung für ein immer tieferes Erwachen aus der schlafwandlerischen Trance der persönlichen Identität.

Die persönliche Identität glaubt: »Ich denke, deshalb bin ich«. In Wahrheit ist es andersrum: Ich bin, deshalb kann ich denken. Die Entscheidung, frei zu sein, entwickelt sich auf der persönlichen Ebene nicht von selbst. Du entwickelst dich nicht hin zur Freiheit und Liebe. Es ist eine plötzliche irreversible Entscheidung, die dich auf der richtigen Seite etabliert.

 

Die Entscheidung

Die Entscheidung, die Ego-Identität der Liebe zu opfern, ist die wichtigste Entscheidung eines menschlichen Lebens. Es ist die einzige, die sich lohnt zu treffen. Mit ihr wählen wir, entweder Sklaven zu sein oder frei. Die meisten von uns, jetzt und schon immer, wussten nicht, dass wir Freiheit und Liebe wählen konnten. So haben wir Menschen das Beste draus gemacht. Wir haben überlebt und prosperiert und gaben unser Leben an unsere Kinder weiter über zahllose Generationen bis heute. In den aufgeklärteren Kulturen und Zeiten haben wir versucht, bessere Menschen zu sein und an uns zu arbeiten.

Jetzt habt ihr gehört, dass es möglich ist, frei zu sein. Es ist möglich, Liebe zu sein. Wenn du diese Entscheidung für die Freiheit triffst, dann erlöst du damit die zahllosen Leben, die du als Leidender erlebt hast, die zu diesem hier führten. Das macht alles, was vorher da war, wertvoll. Es verzeiht alles.

Wenn du Liebe und Freiheit wählst, ist dein Leben erfüllt. Das ist ein erstaunliches Ereignis: erfüllt zu sein! Über alle Maßen glücklich zu sein und vor Liebe und Dankbarkeit überzufließen, das ist unser Geburtsrecht – wenn wir es wählen. Es ist das Ende der Kriege, der Opfer, der Gewalt und Anschuldigungen. Es ist der Traum, den wir für die Welt haben, aber es braucht den Mut deines Herzens, es hier und jetzt zu sein. Jeder von uns muss das nun wählen. Wir müssen bereit sein, alles preiszugeben, das wir für real halten, um die Realität zu finden.

 

Ich erkenne, dass ich bin

Dann bist du Liebe und das Geschenk, auf das die Welt wartet. Du bist die Nahrung für die Liebe ohne Erwartung und Anerkennung. Du bist die Weisheit der Stille, die Leere des Seins, das überfließende Herz des Mitgefühls. Jetzt bist du dran: Die ganze Welt sieht zu und wartet.

Dann können wir statt »Ich liebe, deshalb bin ich« sagen: »Ich bin Liebe. Ich bin frei. Ich bin nichts. Ich bin wie ich bin. « Dann ist die Übersetzung von Descartes »cogito ergo sum« als »Ich erkenne, deshalb bin ich« vielleicht näher dran: »Ich erkenne, dass ich bin«, das ist es.

Das ist das Ende der Suche. Es ist das Ende des Leidens, das Ende der falschen Identität. Das Ende der Ignoranz, die unser Leben bestimmt hatte. Es ist das Ende eines Lebens in Lebens- und Todesangst. Es ist das Ende des Gesprächs mit dir selbst, das dich und die Realität erklären soll.

Es ist die Geburt der Stille. Die Geburt der Liebe. Die Geburt von Frieden und Klarheit. Die Geburt von dir selbst. Es ist der Beginn des wahren Lebens und die Etablierung der Unsterblichkeit eines begrenzten Körper-Geistes im Dienst der Liebe. Es ist die Erfüllung aller Sehnsucht. Es ist das Heimkommen in die Gewissheit und Dankbarkeit. Jetzt ist die Zeit dafür!

Ich bin Liebe.