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Sein Magazine interview, 2003
Interview von Bertrand Coquoz


Eli, alle Menschen, denen ich begegne, wünschen sich, dass ihre Beziehungen friedvoll und harmonisch sind. Wie kommt es dazu, dass es in der zwischenmenschlichen Beziehungs-Arena, die ja die Chance einer wahrhaftigen Begegnung bietet, so oft zu einem nicht enden wollenden Krieg kommt, selbst wenn es ein kalter Krieg bleibt?


Der Körper ist wie alle anderen Körper eine Überlebensmaschine. Solange wir nicht hinschauen und unsere Identifikation als Körper nicht hinterfragen, werden wir von den unterbewussten Überlebensmechanismen des Körpers gesteuert. Das Ego ist ein hochentwickelter Schaltkreis, es ist der beste Überlebensmechanismus, den das Körperreich hervorgebracht hat, es gestattet der Menschheit, über die Erde zu herrschen und sie zu zerstören.

Da nun das Ego eine Überlebensmaschine ist und da die meisten Menschen aus dem Ego leben, nehmen die Überlebensstrategien gegenüber allen anderen Verhaltensmustern eine Vorrangstellung ein.


In einem egobezogenen Leben ist man auf der Hut; man schützt sich, man verschließt sich und hält Ausschau nach Verrat. Nicht nur Gefühle von Überlegenheit, auch Gefühle von Unterlegenheit sind Überlebensstrategien. Andere zu beurteilen, deren Fehler ausfindig zu machen, sich einsam und isoliert zu fühlen, Bündnisse zu suchen, die "Freundschaften" heißen – all das sind Überlebensstrategien.


Bei alledem handelt es sich um Überlebensmuster, die als solche zwar nützlich und hilfreich sind, doch eine wahrhaftige Begegnung in Offenheit und Verletzlichkeit ist vor diesem Hintergrund nicht möglich. Die meisten Menschen erleben Momente, in denen sie sich entspannen und offen sind; wenn sie sich mit jemandem sicher fühlen und etwas Tieferes, etwas völlig Offenes und Unschuldiges sich zeigen darf.


Für gewöhnlich ist dies eine schnell vorübergehende Erscheinung, bevor man sich dann wieder hinter seinem Schutzwall verschanzt.


Man kann das auf sehr einfache Weise betrachten: In jedem Moment bietet sich die Möglichkeit, offen zu bleiben oder sich zur Wehr zu setzen. In einem Dschungel voller tödlicher Gefahren, wo es dich in jedem Augenblick erwischen kann, scheint die Verteidigung die logische Entscheidung. Allerdings können wir mittlerweile sehen, wie aufgrund des uneingeschränkten Wahnsinns der egobezogenen Verteidigungs- und Abwehrstrategien sich unsere Welt am Rande der Auslöschung befindet.


All die Grausamkeiten, denen wir in der Welt begegnen, lassen sich auf die egobezogenen Schutz- und Abwehrmechanismen zurückführen. Jetzt stehen wir also vor der Wahl, uns zu öffnen und dafür alles zu riskieren. Das braucht Mut. Da die Abwehrmuster auf einer unbewussten Ebene greifen, braucht es die Bereitschaft, den eigenen Egostrukturen aufzuspüren und sie aufzudecken, damit das Unbewusste ans Licht kommt. Andernfalls werden selbst die besten Absichten, einander in Offenheit und Liebe zu begegnen, unbewusst von den (noch) nicht hinterfragten Abwehrmechanismen untergraben.


Es scheint ja nun nicht leicht, diese Perspektive unvermittelt zu verändern. Lassen sich denn im alltäglichen Leben notwendige Schritte unternehmen oder Zeichen erkennen, die in die rechte Richtung führen? Gibt es eine richtige Richtung?


Die richtige Richtung ist die, welche aus dem Kopf heraus und zurück ins Herz führt. Die richtige Richtung führt hin zu Offenheit und Liebe und weg von Angst und Schutzverhalten.


Der erste Schritt ist der, das Leiden in deinem eigenen Leben zu bemerken und diesbezüglich ehrlich zu sein. Dann gilt es herauszufinden, wodurch dieses Leiden verursacht wird. Die meisten Menschen sind der Meinung, die Ursache liege bei den äußeren Umständen.


Wir glauben, wenn wir unsere Umstände ändern könnten, wenn unsere Beziehungen untereinander, die Beziehungen zu unseren Eltern, wenn unsere Vergangenheit anders wäre, dann wären wir glücklich. Weisheit zeigt sich, wenn wir einsehen, dass ein aufgrund von Veränderungen in den Umständen herbeigeführtes Glück nicht lange anhält. Alles Glück, welches auf äußeren Umständen beruht, erweist sich als vorübergehend und von kurzer Dauer.


Wenn du erkannt hast, dass selbst die besten Zeiten kein dauerhaftes Glück hervorbringen, weil sie Veränderungen unterworfen sind, kannst du tiefer sehen, um die Ursache des Leidens aufzudecken. Selbst wenn du damit beginnst, im Außen zu schauen, kannst du erkennen – sofern du ein Opfer bist – dass du ein Opfer bist von Ignoranz und Gier. Es ist weise, wenn du die Ignoranz, die Gier und die Aggressionen aufspürst, die unterbewusst in deinem eigenen Mind* ablaufen. Du kannst nur deinen eigenen Mind ändern, niemals den eines anderen.


Sobald du siehst, dass dein Leben von unterbewussten Mustern gelenkt wird, über die du anscheinend keine Kontrolle hast, ist das ein gutes Zeichen. Du wirst anfangen zu bemerken, und zwar in jedem Augenblick deines alltäglichen Lebens, dass, unabhängig von deinen Ideen und Interpretationen über das, was vor sich geht, etwas Tieferes abläuft. Dies ist der Anfang der Suche, die sich nach innen kehrt, um die Wurzel des eigenen Leidens zu finden.


Viele Menschen fühlen einen starken Drang nach einer fundamentalen und vollständigen Veränderung in ihrem Leben. Sie wünschen sich zutiefst mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, Glücklichsein und Liebe.


Es ist mir klar, dass dieses Bedürfnis grundsätzlich in allen Menschen angelegt ist, aber es existieren doch deutliche Unterschiede in der Intensität dieses Verlangens. Wie kommt es zu diesem Unterschied, was macht ihn aus? Und besteht ein Zusammenhang zwischen diesem starken Willen nach etwas Besserem und dem Leiden, das in den zwischenmenschlichen Beziehungen erscheint?


Es ist ein großes Glück, wenn jemand das Leiden in der Welt nicht (mehr) ertragen kann. Die meisten sind gewillt, alles Andere dem persönlichen Komfort und Überleben zu unterwerfen. Es zeugt von spiritueller Reife, nach einer Welt zu verlangen, in der Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Liebe herrschen.


Wenn du das Leiden in deinem persönlichen Leben und das Leiden auf der Erde ignorierst, dann lebst du ein Leben in Ignoranz. Ignoranz ist die Wurzel allen Leidens, was bedeutet, dass ein Leben in Ignoranz Leiden hervorbringt, denn die Wurzel der Angst und des Verlangens ist die Ignoranz.


Für jemanden, der den Schmerz des Erleidens von Ungerechtigkeiten fühlt, ist es sehr leicht, die Ignoranz der anderen zu sehen. Schwieriger und wichtiger ist die Bereitschaft, die eigene Ignoranz zu sehen und aufzudecken. Du kannst nur über deinen eigenen Mind verfügen und ihn ändern, niemals über den eines anderen, diese Macht ist dir nicht gegeben.


Mit dieser Macht, deinen eigenen Mind zu ändern, hast du die Kraft, die Welt zu verändern. Wenn du gewillt bist, die Ignoranz da zu beenden, wo du dich befindest, dann gibt es Hoffnung für die Welt.


Die Menschen, die mit dir in den Retreats sind, werden oft dazu aufgefordert, in so genannten "Übungen" füreinander ein 'wahrer Freund' zu sein. Was ist die grundlegende Absicht, wenn man in Beziehungen diesen besonderen Standpunkt einnimmt? Und was lehrt es?


Wenn du erleuchtet bist, siehst du überall die Wahrheit des einen Selbst. Du begegnest jedem Wesen als Manifestation deines eigenen Selbst. Insofern ist es eine Begegnung in Offenheit und Liebe. Wenn du deiner eigenen Natur erwacht bist, liebst du die Stille selbst, die Wahrheit selbst, die Liebe selbst. In der Stille erkennst du, dass du das bist. Und also begegnest du dir selbst mit Stille, mit Wahrheit und Liebe, innen genauso wie außen.


Wenn du nicht erleuchtet bist, dann kannst du so tun als ob. Wenn du gewillt bist, ganz offen zu sein, wenn du gewillt bist, deine persönlichen Anliegen beiseite zu lassen und dem, was sich dir zeigt, vollkommen zur Verfügung zu stehen, dann bist du ein wahrer Freund. Ein wahrer Freund hat ein offenes Herz und einen ruhigen Mind. Darin erkennst du die Wahrheit dessen, was du als 'ich selbst' bezeichnest, die Wahrheit dessen, was du 'das andere' nennst, und die Wahrheit der Situation.


Dann ist dein Leben ein Leben, das im Dienst steht, und ein Leben der Liebe.


Gibt es denn Techniken oder besondere Verhaltensweisen, die in dieser ewigen Suche des Menschen nach tiefem Frieden und nach Liebe das diesbezügliche Erkennen fördern? Was hilft am besten? Lässt sich das lehren, verstehen, auf die eine oder andere Art verbessern?


Keine Technik kann dich zur Selbsterkenntnis führen, denn die Freiheit ist bedingungslos. Weder Bedingungen noch Verhaltensweisen können dich zur Freiheit führen und ebenso wenig können sie dich von ihr fern halten.


Was am besten hilft, ist das tiefe Verlangen nach Wahrheit und die Bereitwilligkeit, die Wahrheit zu erkennen, koste es was es wolle. Alles, was es dazu braucht, ist diese Bereitwilligkeit. Alles, was zwischen dir und deinem Wunsch steht, wird sich zeigen, um erfahren zu werden. In der Bereitschaft, alles zu ertragen, offenbart sich die Erkenntnis: im Angesicht des großen Mysteriums der göttlichen Liebe erweisen sich alle Hindernisse als unwesentlich, sie haben keine Substanz.


Je tiefer du dich der Liebe hingibst, um so leichter wird sich die Gnade der Liebe offenbaren, indem sie dir die Wahrheit deines Seins enthüllt.


Seitdem ich mit dir in Verbindung bin, habe ich dieses Gefühl von großer Kraft – nicht Stärke, die auf einer (persönlichen) Macht beruht, sondern eine Kraft, die sich auf eine nicht korrumpierbare Festigkeit stützt; nichts, was auftaucht und erscheint, kann das, was ist, beeinträchtigen. Es gibt mir die Möglichkeit, einfach zu sein, ohne die Forderung, anders zu sein als ich bin. Und gleichzeitig bewirkt es ein klares Sehen.


Ich kann die Lügen sehen, ich kann sehen, wenn ich etwas anderes vorgebe, wenn ich eine Schutzmauer aufbaue. Und ich selber verändere mich. Zum ersten Mal finden Begegnungen in einer lebendigen Wirklichkeit statt, die ich jetzt in Beziehung setze zu dem Glauben und der Zuversicht, von denen ich in meiner Kindheit hörte; wie ein tiefes Vertrauen in die grundlegende Güte des Lebens. Woraus besteht dieser Glaube?


Ich bin mir nicht ganz sicher, was du genau mit Glaube meinst. Für mich bedeutet Glaube im allgemeinen ein Glaube an etwas Unbekanntes, wobei sich dieser Glaube auf keine logische Grundlage stützt. Religionen benutzen diese Art von Glauben, um den unwissenden Mind an bestimmte Glaubensmuster zu binden.


Vielleicht meinst du mit Glaube das, was ich Vertrauen nennen würde. Vertrauen kann in einem bestimmten Stadium der bewussten Entwicklung von großem Nutzen sein.


Vertrauen ist nicht blind wie der Glaube. Der Glaube erfordert das Glauben an etwas Unbekanntes. Kein Glaube ist erforderlich, um die Wahrheit zu erkennen. Das Vertrauen hat den Beweis gesehen und weiß um dessen Wirklichkeit. Dann bleibst du auch im Angesicht der alten Schwungkraft und Konditionierung, trotz der Versuchung zum Verrat und zur Verleugnung standhaft.


In diesem Vertrauen bleibst du dem, was du als wahr erkannt hast, treu. Das führt zu einer unerschütterlichen Festigkeit. Wenn du die Wahrheit kennst und dich in deinem Selbst verwurzelst, dann ist schlussendlich nicht einmal Vertrauen nötig, denn du bist einfach nur du selbst. Das ist es, wonach jeder dürstet: wahrhaftig selbst zu sein.


Ich sehe, dass all die Konflikte mit meiner Frau aus meinem "Tun" erfolgen, das ich in den gegebenen Umständen an den Tag lege. Es ist, als ob mich dieses 'ein wahrer Freund' sein, nun dazu bringt, ihr die Wahrheit über das, was ich sehe und bemerke, auch zu sagen.


Und sie versteht nie, was ich sage und projiziert auf mich, dass ich über sie oder die anderen urteile. Und das ist ja auch wahr, und im übrigen hat sie mich in solchen Situationen nie verstanden. Wie können wir einander helfen, unbewusste Muster und nicht hinterfragte Abwehrmechanismen aufzudecken?


Ja, ich habe tiefes Verständnis für deine Situation. Jeder kennt wohl dieses Problem. Und jeder kann beim anderen die Ignoranz erkennen. Je tiefer du aus der Trance des Lebens erwachst, umso tiefer kannst du sehen, wie andere Menschen nachtwandeln.


Im alltäglichen egobezogenen Leben wählen wir unsere Freunde nach dem Schema aus, dass sie für unsere Trance einstehen, und wir bestätigen die ihre. Daraus ließe sich schließen, dass es doch die Aufgabe des wahren Freundes ist, die Aufgabe des Erleuchteten, die anderen darauf hinzuweisen, dass und wie sie schlafen?


Unglücklicherweise hat man das schon seit Jahrtausenden versucht, gänzlich ohne Erfolg. Einem anderen seine Fehler vorzuhalten heißt predigen, nicht lehren. Nur der egoistische Mind wird sich anmaßen, anderen vorzuhalten, was sie nicht hören wollen. Besser ist es, still zu bleiben.


Andererseits gibt es auch solche, die sich Hilfe wünschen, die darum gebeten haben, dass man ihnen nichts durchgehen lässt. In einem solchen Fall ist die beste und die höchste Lehre jene, die den gegebenen Augenblick in zeitlose Selbsterkenntnis wandelt.


Das Zweitbeste ist, wenn in diesem Augenblick der Boden für zukünftige Erkenntnis bereitet wird. Bei allem anderen handelt es sich entweder um erziehen oder predigen.


Manche Tiere müssen erzogen werden. In einem bestimmten Stadium unserer Beziehung musste meine Frau mich erziehen und gesellschaftsfähig machen. Aber auch hier gilt, dass Erziehung nicht gleichbedeutend ist mit ausschimpfen. Zur Erziehung gehört ein bereitwilliger Schüler. Haben sich beide Partner der Wahrheit verpflichtet, ist alles hilfreich, wenn es funktioniert. Meine Frau hat mich einmal vor nunmehr fast zwanzig Jahren nachts um zwei Uhr aufgeweckt, um mich mit einer Lüge zu konfrontieren, die unbewusst nur knapp unter der Oberfläche ablief. Ich wollte mir das nicht ansehen, denn mir gefiel die Lüge, sie sicherte mir mein Vergnügen.


Obwohl ich mich anfangs dagegen wehrte, dass sie mich aus dem Schlaf gerissen hatte, so wurde ich doch nüchtern und sehr klar, sobald ich gewillt war, mich der Wahrheit der Situation zu stellen, und was zuvor versteckt war, wurde offensichtlich. Hierin liegt der große Wert, einen wahren Freund zu haben, der bereit ist, sich der wütenden Verleugnung auszusetzen, und hierin liegt das große Glück, ein williger Schüler zu sein.


Die beste Beziehung ist die, in der beide Partner bereit sind, sich der Wahrheit zu stellen und die Beziehung auch zu verlassen, wenn sie nicht in der Wahrheit gründet. In allen anderen Beziehungen ist es für gewöhnlich am gescheitesten, still zu bleiben, solange man nicht gefragt wird. Und so liebevoll und freundschaftlich zu sein, dass man uns um unsere Hilfe bittet, um klarer zu sehen. Von hier aus ist alles möglich.


* Mind: Ich-Konzept. Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung dieses Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus, Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)