Language

 




KGS Magazine interview

Hamburg, Mai 2002


Eli Jaxon-Bear wurde 1947 als Elliott Jay Zeldow in Brooklyn, New York geboren. Nach einer langen achtzehnjährigen spirituellen Suche, die ihn um die ganze Welt geführt und mit vielen Traditionen und Praktiken vertraut gemacht hatte, zog es ihn 1990 schließlich nach Indien, wo er seinem letzten Lehrer begegnete: Sri H.W.L. Poonja, den er liebevoll Papaji nannte.


Papaji bestätigte Eli's Realisation und sandte ihn zurück in die Welt, damit er seine psychologischen Einsichten in die Natur des Ego-bezogenen Leidens mit anderen teile, um die Selbsterkenntnis zu fördern. Wenn Eli in die Lehren des Enneagramms einführt, geschieht dies immer in der lebendigen Übermittlung der Stille, indem er diese einzigartige Landkarte der Ego-Identifikation als Mittel zur rücksichtslosen Selbsterfoschung präsentiert und der Vertiefung in der Erkenntnis von wahrhaftiger Freiheit.


Eli: "Mit der Einsicht in die Struktur des Geistes (Mind), die das Enneagramm gewährt, gewährt es auch zunehmende Klarheit und die Fähigkeit zu wirklicher Wachsamkeit in der Verankerung deiner wahren Identität als intelligente Liebe, die ohne Ursache und ohne Form ist; das, was wir Bewusstsein oder Gott nennen."

Eli's ganzes Leben ist der Weitergabe der Transmission seines Lehrers gewidmet.


Eli Jaxon-Bear ist Herausgeber von Wake Up and Roar: Satsang with H.W.L. Poonja, Volumes 1 and 2 (in Deutschland erschienen unter den Titeln Wach auf, Du bist frei und Sei Still! Satsang mit H.W.L. Poonja), Autor von Healing the Heart of Suffering: The Enneagram and Spiritual Growth (in Deutschland erschienen unter dem Titel Die neun Zahlen des Lebens) und Autor von The Enneagram of Liberation: From fixation to freedom und Lied der Freiheit.


Thema: Was willst du wirklich?


Das ist die Frage, die du wohl am häufigsten stellst. Warum ist es so wichtig, dass wir entscheiden, was wir wirklich wollen? Was bewirkt das Stellen dieser Frage?


Zunächst einmal ist es von einschneidender Bedeutung, dass folgendes erkannt wird: Wenn ich frage, was es wohl ist, das du wirklich willst, dann hat das absolut nichts mit deiner vermeintlichen Entscheidung für die Erfüllung deiner Wünsche zu tun. Was du wirklich willst liegt viel tiefer als irgendeine Entscheidung oder Meinung, die du dazu haben magst. Hier geht es um den tiefsten Ruf deines Herzens und das kann nicht mit dem Kopf entschieden werden.


Alle Entscheidungen, die mit dem Kopf getroffen werden, gründen auf Leiden und Versklavung. Alle Entscheidungen. Nur der tiefste Ruf des Herzens, das tiefste Sehnen der Seele nach Freiheit ist der Ruf dessen, was jenseits von Leiden ist.


Solange wir nicht wissen, dass es möglich ist, wahrhaftig frei zu sein und die Wahrheit unserer selbst als unsterbliches Sein zu erkennen, arrangieren wir uns mit der Welt, so gut es eben geht. Wir alle wollen Liebe, Sicherheit und Komfort, ein Glück, das auf einem Leben aufbaut, welches uns als Kinder anerzogen wurde. Das von uns erlernte Leben ist das Leben konditionierter Sklaverei.


Ob wir uns nun anpassen oder dagegen rebellieren macht gar keinen Unterschied. So oder so sind wir in einem Netz der Fehlidentifikation und des Leidens gefangen. Unsere Eltern haben die Wahrheit ihres eigenen Seins nicht gekannt und konnten sie deshalb auch nicht an uns weitergeben; ebensowenig konnten es ihre Eltern, und so weiter bis hin zurück zur Amöbe.


Wenn wir geboren werden, sind wir nicht selbst-bewusst. Wir sind Bewusstsein, doch es schaut nicht auf sich selbst zurück. Wir sind im Zustand von ozeanischem Einssein, jedoch ohne Individuation. Mit der Individuation beginnt auch die Heranbildung des Ego und damit einhergehend der Sinn für ein Selbst voller Wünsche und Ängste. Ständig sind wir darauf ausgerichtet, dass uns unsere Wünsche erfüllt und unsere Ängste genommen werden – von außen. Das ist das Leben, welches das Ego führt.


Der Glaube, dass der, der ich bin, im Innern gefangen ist und das, was ich brauche, von außen kommen muss. Dieses Dilemma macht einen wütend. Ich bin auf Gott wütend dafür, dass er mich hierher getan hat, ich hasse mich selber dafür, dass ich in einem Körper stecke, und die Welt hasse ich, weil sie mir nicht gibt, was ich brauche. Außerdem macht es einem Angst. Man hat Angst vor dem Unbekannten und davor, was diesem Körper geschehen könnte.


Darüber hinaus macht es einen bedürftig. Man ist liebebedürftig und gewillt, sich selber aufzugeben (zu verkaufen), um Liebe zu bekommen.


Und so basieren dann alle Wünsche und alles Verlangen auf diesem grundsätzlichen menschlichen Bedingtsein.


Wenn du das wirkliche Verlangen nach Freiheit aufsteigen lässt, dann wird dieses Verlangen alles andere transzendieren. Dieses Verlangen aufsteigen zu lassen war in der Vergangenheit sehr selten. Doch die Menschheit tritt jetzt in eine andere Phase ein. Entweder entwickeln wir uns weiter oder wir vernichten unsere Erde. Es liegt tatsächlich bei dir.


Wenn du gewillt bist, das Leiden da, wo du erscheinst, zu beenden – dies ist die einzige Hoffnung und das einzige wahre Verlangen.


Solange dieses Verlangen nach Wahrheit, Freiheit oder wahrhaftiger Liebe in einem Leben nicht auftaucht, ist alles sinnlos. Wenn dieses Verlangen einmal aufsteigt, wenn du dich ihm mit deinem ganzen Leben verschreibst, wird es zum zentralen Angelpunkt, der Seinsgrund, auf dem du erscheinst.


Bevor dieses wahre Verlangen entdeckt und ausgedrückt wird, kreiste dein Leben um dich und deine Geschichte von der Wirklichkeit. Wenn dieses Verlangen nach Freiheit einmal aufsteigt, ist das der Anfang vom Ende. Es ist das Ende der Suche und der Anfang der Erkenntnis.


Ich stelle diese Frage, weil nichts von wirklicher Bedeutung erreicht werden kann, bevor sie nicht zutiefst beantwortet wird. Wenn diese Frage einmal beantwortet ist, bedeutet das eine radikale Umbewertung deines bisherigen Lebens und weist dich in eine neue Richtung. Das ist der Anfang, der fruchtbare Boden des Erwachens.


Ich sehe jetzt, das mein ganzes Leben eigentlich auch dem, was ich wirklich wollte, gewidmet war. Welchen Rat hast du für diese Reise, für diese Suche?


Das Leben eines jeden ist darauf ausgerichtet, was er oder sie im Unterbewussten will. Das Problem ist, dass die meisten nicht wissen, was sie wirklich wollen. Die meisten leben in den konditionierten Wünsche der Familie, in den produzierten Wünschen der Gesellschaft und in ihren unterbewussten Fantasien, die sie auf die Welt übertragen. Insofern leben sie ihr Leben in falschen Wünschen und Begierden.


Die meisten können das, was sie wollen, nur in Bezug auf das, was sie haben oder nicht haben, definieren; das, was sie in Ordnung bringen ('reparieren') oder loswerden wollen, was sie behalten oder vermehren wollen. All dies spielt sich im Bereich von Objekten ab, und diese Objekte sind lediglich die Projektion des Ego-bezogenen Mind (Mind = Verstand/Geist, Identifikation als Körper/Geist/Emotionen).


Dieser Ego-bezogene Mind fühlt sich getrennt, allein und abgeschnitten, und deshalb ist er verzweifelt darum bemüht, seinen Raum zu verteidigen.


In all dem Vorausgegangenen wird das, was du wahrhaftig willst, beständig vermieden. So lange die Erfahrung von Getrenntsein besteht, so lange besteht auch ein tiefes und wahres Sehnen nach Vereinigung. So lange es Angst gibt, gibt es ein tiefes und wahres Sehnen, sich dem Geliebten hinzugeben. So lange man sich isoliert fühlt, gibt es ein tiefes und wahres Sehnen, mit dem Geliebten zu verschmelzen.


In dem Maße, in dem du reif und bereit bist, das Leiden zu beenden, in dem Maße wirst du dir dieses tiefen und wahren Sehnens nach Hause bewusst.


Mein Rat ist, ehrlich mit dir selbst zu sein und die Wahrheit darüber zu sagen, wo und inwieweit du dich bisher schon verkauft hast, damit du dann für den tiefen und wahren Ruf deines Herzens Zeit haben kannst. Solange nicht aller Selbstverrat im Licht aufgedeckt wird, wird das, was du wirklich willst, unterbewusst sabotiert.


Sei bereit und gewillt - im Angesicht aller unterbewussten Strömungen, die aus dem Ozean des Mind als Wellen aufsteigen, um dich wieder in das Wollen des Unterbewussten zurückzuwaschen - deiner tiefsten Sehnsucht nach Wahrheit wahrhaftig treu zu bleiben.


Was bedeutet in dieser Suche die Charakterfixierung? Warum ist es so wichtig, diese Eigenschaften des menschlichen Mind zu verstehen?


Mit dem Heranreifen auf dem Weg zu seiner eigenen Erkenntnis hat der Mind bestimmte historische Phasen durchlaufen. Zuerst besteht keine getrennte Identität. In einem bestimmten Stadium entsteht Individuation, im Bewusstsein setzt sich ein Gefühl des Getrenntseins fest. Bis dahin ist alles unbewusst, wie eine Pflanze, die intelligent ist; sie wächst mit der richtigen Seite nach oben, sie hat intelligente, ihren besonderen Umständen angemessene Blätter, sie verfügt über ausgeklügelte Strategien, mit denen sie sich die Insektenwelt für verschiedenen Zwecke wie die Bestäubung zu Diensten macht, aber es besteht kein Gefühl des Getrenntseins.


Dieses Auftauchen des Gefühls von einem getrennten Selbst ist ein entscheidender Schritt in der Evolution von Bewusstsein. Dieses Gefühl des Getrenntseins ist nun aus dem Unbewussten in das Unterbewusste aufgestiegen. Es bewegt sich gerade unterhalb der Schwelle des Gewahrseins. Es blickt noch nicht in Selbstbewussheit auf sich selbst zurück. Dieses Stadium wird bezeichnet als: den Tieren ihre Namen geben.


Im nächsten Stadium taucht die Spaltung im Mind zwischen dem Handelnden und dem, der den Handelnden beurteilt, auf. Freud hat den Handelnden ein Ego genannt, das Ich; und die Instanz, die über den Handelnden urteilt das Über-Ich. Das lässt sich metaphorisch gleichsetzen mit der ersten Regel, die Gott aufstellt: Esst nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis. Diese erste Regel führt dazu, dass das Ego rebelliert. Diese Rebellion führt zu der Frucht des Erkennens von Polaritäten, von richtig und falsch, von mir und dir, innen und außen. Dieses Auftauchen ist in der Evolution von Bewusstsein von entscheidender Bedeutung.


Nun ist jedes Ego in diesen inneren Kampf zwischen den beiden Parteien verwickelt, zwischen der urteilenden Instanz, die die Regeln der Gesellschaft verinnerlicht hat einerseits und anderseits dem Handelnden, der sich entweder den Regeln anpasst – was Zorn hervorruft, oder sich gegen die Regeln auflehnt - was Furcht hervorbringt.


Sowohl Zorn als auch Furcht laufen im Unterbewusstsein ab, unterhalb der Geschichte, die dir als Rechtfertigung für deinen Gehorsam oder deine Auflehnung dient. Die persönliche Geschichte verdeckt die tieferliegenden unterbewussten Motivationen und Konsequenzen.


Die menschliche Gattung befindet sich derzeit am Rande des nächsten Entwicklungsschrittes, indem das individuelle Bewusstsein aus der Trance des Getrenntseins aufwacht. Aufzuwachen bedeutet, es klar zu sehen. Indem es klar gesehen wird, kann es benannt werden. Indem es benannt wird, hast du dich zu dem Muster, das ungesehen im Hintergrund ablief, auf Distanz gesetzt.


Jetzt ist es im Licht und kann sich als das, was es ist, auch zeigen: ein Abwehrmechanismus des Egos gegen seine eigene Auflösung in die Einheit und Liebe.


Zu unserem Glück gibt es nur drei Gruppen oder Versionen von drei verschiedenen Modellen der Ego-Fixierung. Das Ego ist überwiegend entweder dem physischen, dem emotionalen oder dem mentalen Körper verhaftet. Das Enneagramm bietet uns eine präzise Karte dieser neun Identitäten. Es sind dies neun Gesichter Gottes, die das Ego als Maske für sich benutzt.