Language

 





Essay von Eli Jaxon-Bear, 1995

 

Dieser Essay ist eine Antwort auf einen früheren Essay über die Sechser-Fixierung, der bei der Internationalen Enneagramm-Konferenz präsentiert wurde. Im ersten Essay verwendete der Autor eine Metapher, in der alle Fixierungen einen rauschenden Fluss überqueren sollen und nur einen Baumstamm als Brücke haben. Der Autor bezog sich dabei auf die Ängste und Zweifel der Sechs, an denen mit verschiedenen Techniken gearbeitet wird, um „die Sechs über die Brücke zu bekommen“. Er beschrieb auch, dass der Sechs für die Konstruktion eines Selbst der zentrale Standpunkt oder Grundstein fehlen würde.

 

Techniken können für die Verstärkung des Egos sehr wirksam sein. Mit Hilfe von Visualisierungen, Mantras, Ankerheuristik, Vorbildern, Hypnose und anderen Übungen kann die Sechser-Fixierung lernen, die Brücke zu überqueren und ihre Ängste und Zweifel zu überwinden. Aber führt dies zu wahrer Erfüllung? Bestimmt können kontraphobische Sechsen die Brücke ganz leicht und wagemutig überqueren. Macht sie das glücklicher, bringt sie das irgendwie näher an ihre Essenz? Keiner von ihnen hat das jemals bestätigt.

 

Was, wenn die Herausforderung nicht das Überqueren des Flusses ist, sondern das Überqueren des leidvollen Ozeans, den wir Samsara nennen, und das Verwirklichen des Wahren Selbst, das unsterbliches Sein, reines Bewusstsein und glückselige Liebe ist? Angesichts dieser Herausforderung müssen wir mentale Übungen wie Mantras oder Visualisierungen, Körperübungen wie Aikido oder emotionale Übungen wie Atemarbeit hinter uns lassen.

 

Das Selbst kann nicht erschaffen werden. Wir können keinen zentralen Standpunkt oder Grundstein benutzen, um das Selbst zu entdecken. Das Wahre Selbst kann nur direkt entdeckt und verwirklicht werden. Wir können es weder machen noch aufbauen noch uns darin verwandeln. Wir können die Fixierung nicht in Selbst oder Essenz umwandeln. Das wäre in etwa so, als versuchten wir, den Schatten in Peter Pan zu verwandeln. Es ist weder möglich noch nötig, denn das Selbst, das den Schatten wirft, ist bereits präsent und vollständig. Es bedarf keiner Arbeit oder Ego-Verstärkung. Wir müssen es nur verwirklichen, um aus der Trance unserer Identifizierung mit der Fixierung, unserem Schatten, zu erwachen.

 

Alle Sechsen sehnen sich nach der Vereinigung mit dem Vater. Das wird auf das Familienleben projiziert – der Höhere Vater wird auf den leiblichen Vater projiziert. Das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, ist dabei unvermeidlich und wird entweder als Verrat oder als tiefsitzende Verleugnung dieser Enttäuschung durch fortwährende Treue interpretiert.

 

Dieser subjektive Verrat des Vaters wird weiterhin auf alle Autoritätsfiguren projiziert. Dies führt zu Selbstbetrug und schließlich zum Betrug der Autorität mit anschließender Verleugnung. Die Vermeidung dieses unerträglichen Verrats wird zu einer mächtigen Motivation, die den Geist beständig in Bewegung hält. Selbstbetrug kann auch die Form von Gefügigkeit gegenüber der Autoritätsfigur annehmen und so der Idee von Loyalität und einem subjektiven Sicherheitsbedürfnis folgen.

 

Was ist nötig, um diese Identifizierungsfalle zu verlassen und die wahre Essenz zu entdecken? Wir müssen aufhören, uns als ein mentaler, emotionaler und physischer Körper zu identifizieren. Es gibt einige Bedingungen dafür, die sich im Verlauf der Zeit als wirksam herausgestellt haben. Am Anfang steht der brennende Wunsch, das Leid zu beenden, das Leben in der Fixierung darstellt.

Darin besteht die Funktion der Heiligen Ideen. Heilige Ideen sind nicht die Essenz, wie es einige behaupten, sondern die beschleunigende Kraft, die einer reifen Seele dabei hilft, ihre Intention der Egotranszendierung umzusetzen. Jede der Heiligen Ideen kann dazu dienen, die gesamte Aufmerksamkeit auf das größere Bild zu lenken und auf das, was wichtiger ist als das persönliche Leben.

Die Heiligen Ideen der Wahrheit, Liebe und Freiheit sind noch immer Teil des Geistes und des Egos, sie können jedoch das Bewusstsein über die Beschränkungen des egoistischen Lebens hinauskatapultieren, wenn wir bereit sind, das egoistische Leben dieser Heiligen Idee hinzugeben.

 

Der Buddha sagte, das Leben sei Leiden. Er sagte auch, dass drei grundlegende Übel überwunden werden müssten, um ein Leben voller Essenz, Frieden und Erfüllung zu leben. Diese drei grundlegenden Übel sind Unwissenheit, Ablehnung und Begierde. Diese Qualitäten geben der Fixierung ihre Existenz und verschleiern somit das Wahre Selbst. Das Wahre Selbst wird auch „sat chit ananda“ genannt – übersetzt wird dies mit „unsterblichem Sein, Bewusstsein und Liebe“. Wenn wir diese Qualitäten auf das innere Dreieck des Enneagramms übertragen, wird klar, dass Ablehnung als Wurzel von Angst die Essenz des Bewusstseins in Form von stiller Leere verschleiert. Das Ergebnis von Bewusstsein ist Weisheit, die durchscheint, wenn der Geist still ist.

 

Diese Essenz wird von der Sechser-Fixierung verschleiert. Die Sechs kann sich selbst niemals in Stille verwandeln. Sie kann in keiner körperlichen Praxis gefunden werden. Sie benötigt keine Kultivierung oder Arbeit. Stilles Bewusstsein ist längst völlig präsent und bleibt unberührt von den Wellen der Fixierung, die aus der Stille hervorkommen und wieder darin verschwinden.

 

Mögliche Anzeichen dafür, dass eine Seele ihre Fixierung hinter sich gelassen hat, können unter anderem ein natürlich stiller Geist sein, das Ende der Identifikation mit dem Gewicht oder der persönlichen Bedeutung eines Körpers.

Ein Mensch, der die Essenz lebt, zieht ganz natürlich andere Menschen an, die auch in dieser Stille verweilen wollen. Es gibt nichts zu vermeiden und nichts zu wünschen. Das Leben ist erfüllt und von dort beginnt ein Leben des wahren Dienens.

Der äußeren Welt mag es so scheinen, als verhielte sich die Person jetzt heldenmütig und kümmere sich nicht mehr um die eigene Sicherheit im Dienste des Großen Ganzen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass junge Damen vor entgleisten Zügen gerettet werden, sondern die Bereitschaft, ein völlig authentisches Leben ohne Angst, Zweifel, Unwissenheit oder Egoismus zu führen.

 

Der Weg der Sechs heißt Mut. Mut ist die Bereitschaft, alles Vertraute hinter sich zu lassen und sich bei der Suche nach der Wahrheit in das Unbekannte zu stürzen. Die Heilige Idee des Glaubens deutet auf den notwendigen Sinneswandel hin, den wir benötigen, um die Insel des Bekannten, des Egos, zu verlassen und uns in den Ozean des Unbekannten zu stürzen.

 

Aber Glaube bringt uns nur bis zum Eingang. Glaube kann uns helfen, den Sprung zu wagen, aber sobald wir gesprungen sind – wo ist dann der Glaube, das Bedürfnis nach oder der Nutzen von Glaube? Glaube ist lediglich der Heilige Trick, den der Geist benutzt, um seine Kontrolle aufzugeben und sich dem Unbekannten völlig auszuliefern.

 

Hier finden wir die Integration des Vaters. Es ist die Erfüllung von der Verkündung Jesu: “Ich und der Vater sind eins”. Dieser Ruf ist der Ruf des Bewusstseins, das seine Trance-Identifizierung mit der Sechs und mit einem Körper/Geist aufgegeben hat.

 

Früher war dies das seltenste Ereignis, das Mutter Erde je hervorgebracht hat – noch seltener als die seltensten Mineralien oder Gase. Jetzt wo Mutter Erde stirbt, ruft sie uns direkt. Wir haben alles, was wir brauchen, um den Sprung vom Ufer des Leidens in Samsara zu wagen und uns in den Ozean der Wirklichkeit, die Liebe und Glückseligkeit ist, zu stürzen.

 

Heute ist ein guter Tag zum Sterben.