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Artikel von Carol Wiener

Veröffentlicht 1995 in „Enneagram Monthly“

 

Als ich bei meinem ersten dreiwöchigen Retreat mit Eli Jaxon-Bear in Sedona, Arizona ankam, hatte ich keine großen Erwartungen. Im Gegenteil – ich fühlte so etwas wie Überheblichkeit, hatte das Gefühl, dass es nicht viel gab, was ich nicht bereits kannte; das ich hier nicht viel Neues finden würde. Zu diesem Schluss war ich gekommen, nachdem ich mehr als zwanzig Jahre meditiert und eine ganze Reihe von psychospirituellen und emotionalen Spielfeldern ausprobiert hatte. Nicht, dass ich spirituell übersättigt gewesen wäre – ich betrachtete mich eher als eine Art spirituellen Connaisseur.

 

Ich hatte bereits gründlich an mir gearbeitet und meine Themen meiner Kindheit und meiner Eltern mit den verschiedensten Reinigungsmitteln relativ sauber geschrubbt. Ich bin sogar mit einer Zahnbürste bis in die hintersten Ecken und Winkel meines Unterbewusstseins gekrochen und habe mich allem Dreck gestellt, der dort noch lauerte. Ich habe abgekratzt und freigeschält. Ich tat alles, was ich konnte; habe Yoga und Meditation gelernt und unterrichtet, war in Therapie und arbeitete mit Rebirthing und bin sogar nach Indien gereist. Ich habe Wohlstand, Beziehungen und erfüllte Wünsche manifestiert.

 

Und eines Tages gab ich das alles auf. Ich ließ alles fallen und sagte mir: Keine Techniken mehr, keine Wünsche mehr. Genug war längst genug – und außerdem hatte ich bereits ein ziemlich tolles Leben. Ich kündigte meine Arbeit und spielte für eine Weile sogar die Hausfrau. Anstatt neuen Dingen hinterher zu jagen, war ich in einem leeren Raum aus Warten und Beobachten. Ich habe oft gebetet: „Möge Dein Wille mein Wille sein“, weil ich meine eigene Liste schon abgearbeitet habe – alles, was Du willst, ist für mich gut. Ich wartete lange. Dann kam die Gnade eines Advaita-Lehrers in diesen leeren Raum und brachte Satsang direkt in mein leeres Wohnzimmer – Versammlungen von Menschen, die im Wahren Selbst verweilen wollten.

 

Bei einem dieser Treffen flüsterte mir jemand etwas über Eli Jaxon-Bear zu und wie sehr er seine Arbeit schätze. In den nächsten Monaten erinnerte und vergaß ich immer wieder seinen Namen. Und ein Jahr später hatte ich aus dem Nichts heraus den Impuls, eine alte Freundin zu kontaktieren, die mir von dieser großartigen Arbeit erzählte, die sie gerade machte. Ich hatte ein Bauchgefühl – das ist wieder dieser Typ – und fragte „Wie heißt er?“ Sie antwortete: „Eli Jaxon-Bear“, und ich dachte: „Okay, okay, ich habe die Botschaft verstanden.“

 

Wie es das Schicksal so wollte, gab es kurz darauf einen Workshop in meiner Nähe. Ich meldete mich blind für den Fünf-Tages-Kurs zum Enneagramm mit Eli an, obwohl ich noch nie davon gehört hatte und es nicht einmal buchstabieren konnte! Trotzdem hatte ich das unerschütterliche Gefühl, dass mir diese Begegnung aus einem bestimmten Grund in den Schoß fiel. Ich war für alles offen.

 

Der Workshop öffnete mir die Augen. Ich konnte einen wichtigen Teil meines Geistes erkennen, mit dem ich mich immer noch stark identifizierte – der Teil meines Geistes, an den ich immer noch glaubte, dem ich immer noch vertraute. Mir wurde klar, dass ich ewig so weitermachen und jeden psycho-emotionalen, spirituellen Veränderungsprozess mitmachen konnte, den es gab – aber solange ich nicht sah, wo mein blinder Fleck lag, würde es immer einen Kern geben, der unberührt bliebe. Dieser schwer zu fassende Kern namens „Ich“ war es, über den ich scheinbar nie hinauskam.

 

All diese Jahre des Strebens nach Selbst-Verwirklichung und dann war ich an ein „Ich“ gebunden und mit ihm identifiziert, ohne es überhaupt sehen zu können!

Wenn wir versuchen, etwas zu sehen, das an unserem Hinterkopf klebt, dann können wir den Kopf in alle Richtungen drehen um zu sehen, was hinter uns ist. Wir können die Peripherie sehen, aber weil dieses Etwas an unserem Hinterkopf klebt, können wir es nicht wirklich erkennen. Das Enneagramm stellte sich als ein wirklich großartiges System heraus, mit dem die Struktur des Egos entdeckt, gesehen und transzendiert werden kann.

 

Plötzlich wurden viele Aspekte dieser meiner Persönlichkeit klar: weshalb ich nicht über einen bestimmten Zustand auf meinem eigenen spirituellen Weg hinauskam, weshalb ich den Geist nicht vollständig transzendieren konnte – aber wie sollte ich auch etwas transzendieren, das ich nicht einmal sehen konnte! Am Ende der fünf Tage verstand ich Elis Herausforderung auf seinen Flyern besser: „Wenn du genug Ego-Verbesserung hattest und dich nach dem sehnst, was jenseits des Egos liegt ... Wenn du einen Hauch, einen flüchtigen Blick des Unveränderlichen und Unendlichen erhascht hast ... oder wenn du eine Ahnung hattest, dass es jenseits von Persönlichkeit und Ego noch etwas anderes gibt; wenn du bereit bist, über die endlose Wiederholung deiner Geschichte hinaus zu deinem Wahren Selbst zu gehen, dann ist das der richtige Kurs für dich.“

 

Vor dem Kurs war mir der Unterschied zwischen Ego-Verbesserung und der Transzendierung des Egos nicht bewusst. Es sind zwei verschiedene Ansätze; der eine richtet sich auf das Funktionieren der Persönlichkeit, um so das Leben funktionaler und erfolgreicher zu machen, der andere möchte die Persönlichkeit und die Anhaftung an Wünsche auflösen und unser Wahres Wesen in Form von reinem Glück und reiner Freude offenbaren.

 

All das klang für mich völlig einleuchtend. Ich sah, was die Fallen der ständigen Ego-Verbesserung waren: eine endlose Liste mit persönlichen, materiellen Dingen, die zu erreichen sind, die übermässige Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit irgendeiner tiefen Verletzung oder einem Trauma und wortwörtlich Jahre der Beschäftigung mit der Verarbeitung – während wir die ganze Zeit die Wahrheit dessen übersehen, wer wir wirklich sind.

Dies schien mir eine wichtige Unterscheidung zu sein, besonders, weil ich eben nicht nur ein besseres Leben und bessere Beziehungen führen oder Traumata heilen wollte. Ich wollte tiefer gehen und etwas lernen, mit dem ich dieser Stille dienen konnte.

 

Auf dem spirituellen Weg sind mir viele Menschen begegnet, die der Ego-Verbesserung auszuweichen versuchten – dies ist eine Art spiritueller Bypass, die Verleugnung der eigenen persönlichen Geschichte, Kindheit, der Wunden und Traumata. In Wirklichkeit benutzen viele Menschen den spirituellen Weg als Vermeidungsstrategie, um den schweren, verstörenden Schatten der Vergangenheit zu entkommen – und ich war eine davon. Wie einzigartig, dass ich einen Ort fand, an dem beide Ansätze anerkannt wurden, und das Bedürfnis nach beiden wie auch die Fallen, die beide darstellten.

 

Ich war fasziniert und fühlte mich wie ein totaler Neuling in dieser schönen neuen Welt. Mit einer neuen Bescheidenheit verließ ich den Kurs, während ich die Strukturen meines Egos besser sehen konnte (und natürlich auch meinen lieben Ehemann besser verstand). Ich wusste, dass  ich noch mehr entdecken wollte, und so ließ ich mich auf die Reise in das dreiwöchige Retreat ein, das sich auf das Enneagramm, Hypnotherapie und NLP als Rahmen für die Überwindung des Egos und der Charakterfixierung stützte – meinen Punkt im Enneagramm.

 

Der Kurs war eine Mischung aus Hypnotherapie, NLP und Selbst-Erforschung im Sinne der Lehren des Advaita, dazu gedacht, die Trance, die Illusion der Körper/Geist-Persönlichkeit und die Identifizierung mit dieser „Ich“-Person zu durchbrechen.

 

Obwohl Elis Vermittlung und seine Fähigkeiten in diesen Techniken wirklich meisterhaft waren, waren es nicht nur diese Techniken, die unsere ängstlichen Egos zum Vorschein brachten, sondern vielmehr Elis Leerheit, Bewusstheit und Liebe, die Tiefe seiner eigenen Verwirklichung, die es jedem Teilnehmer erlaubten, in noch tiefere Ebenen des Bewusstseins zu tauchen und in diesem sicheren Rahmen die Schichten des Egos offenzulegen.

 

Elis entspannte, liebevolle Art machte es leicht, Emotionen loszulassen und aufzulösen. Mitfühlend leitete und unterstützte er die Teilnehmer dabei, ihre Bemühungen, unangenehme Gefühle zu kontrollieren, aufzugeben. Er nutzte die Energie des Gefühls, jedoch ohne die Geschichte, die damit verbunden war. Dadurch wurde es vielen Menschen möglich, ihre selbstgestellten Fallen zu erkennen, die sie in der Trance von „Ich bin dieser Körper/Geist“ festhielten.

 

Ich habe selbst viele Fallen entdeckt. Immer, wenn ich meinen Geist beim Denken und Zweifeln ertappte, wurde mir klar, welches Gefühl ich gerade zu vermeiden versuchte. Während ich nach und nach alle Gedanken verschwinden ließ, verliebte ich mich immer weiter in die Stille in meinem Inneren. Obwohl die Tendenz des Geistes, das Bewusstsein mit Gedanken abzulenken, stark war, konnte ich die Gedanken auflösen und verschwinden lassen und das Bewusstsein war wieder frei, um noch tiefer zu gehen ... und während ich mich darin versenkte ... entdeckte ich Besorgnis ... und als ich die Geschichte von der Besorgnis auflöste, fühlte ich Angst ... Angst vor dem Tod des Körpers, Angst vor dem Unbekannten. Was wäre, wenn ich mich wirklich lösen könnte und wüsste, dass ich nicht dieser Körper bin? Würde ich sterben? Was lag auf der anderen Seite dieser Angst? Und wieder bemerkte ich die Gewohnheit der Geschichte, die Gewohnheit des Denkens ... ich erlaubte den Gedanken, sich aufzulösen ... und die reine Angst zu fühlen ... und dann durchzubrechen, auf die andere Seite der Angst.

 

Und ich weiß nicht, ob das alles einen Sinn ergibt ... ob etwas von dieser Erfahrung mit einem tieferen Teil deiner selbst in Einklang ist...wissen, dass da noch mehr ist ... und dieses mehr wollen.

 

Ich möchte dich gern dazu einladen herauszufinden, was geschieht, wenn du deine Augen schließt und ganz loslässt ... das Bedürfnis zu kontrollieren loslässt ... das Bedürfnis, nicht zu kontrollieren ... alle Bedürfnisse loslässt ... das Bedürfnis nach Bestätigung ... das Bedürfnis nach Sicherheit ... ich möchte gern wissen, ob du entdeckst ... wie es sein könnte ... wenn sich die Illusion dieses Egos auflöst ... und du dich noch mehr hingibst ... tiefer hinein ... und noch tiefer ... und ich frage mich, ob du entdeckst, was auf der anderen Seite der Angst liegt ... wenn du dich in dieser Angst ertrinken lässt ... und auf der anderen Seite hinauskommst ... Ob du merkst, wie vollkommen vergeblich es ist ... der Glaube, dass du ein Körper/Geist bist ... und die existenzielle Verzweiflung ... der Identifizierung als menschliches Wesen ... Ich möchte gern wissen, ob du mutig genug bist, diese Identifizierung aufzulösen ... in allem zu versinken, was sich dir zeigt ... Der Wille, herauszufinden, was auf der anderen Seite liegt ... und wenn du am Rande eines schwarzen Lochs stehst ... und du weißt nicht ... aber du weißt ... dass auch das ein Teil des Wegs nach Hause ist ... dass du dort hineingehen musst ... und während du dich der Schwärze hingibst ... fallen alle Konzepte, alle Ideen von dir ab ... und noch weiter ab ... bis da nur noch Friede ist ... Freude ... Güte ... Liebe ... Reinheit ... Freude ... Leere ... Fülle ... das alles und das nichts, das du wirklich bist.