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Rede von Eli Jaxon-Bear,
Stanford Universität, August 1994

"Wenn du erkennst, wer du nicht bist, dann ist es möglich aufzuwachen und zu erkennen, wer du wirklich bist!"


Mir ist noch nie jemand begegnet, der nicht glücklich sein wollte. Das Streben nach Glück ist die eine Wahrheit, die die Menschheit und vielleicht sogar alle Spezies vereint. Jeder möchte glücklich sein. Die Frage ist: Wie ist es möglich, dass dieses Streben nach Glück die Existenz unserer Spezies und sogar die von Mutter Erde bedrohen kann? Wie ist das möglich? Diese brennende Frage stelle ich mir. Und ich weiß, dass sich viele von uns die gleiche Frage stellen: Wie ist es möglich, dass das Streben nach Glück Leiden erzeugt? Auf der Suche nach einer Antwort habe ich festgestellt, dass es möglich ist, das Leiden zu beenden.

Ich bin hier, um mit euch die großartige Neuigkeit zu teilen, dass das Ende des Leidens möglich ist, wenn wir aus der Trance des eingebildeten Selbst aufwachen, mit dem wir uns identifizieren. Die Schönheit und Vorzüglichkeit des Enneagramms besteht darin, dass es uns eine Struktur für das gibt, was wir nicht sind. Die große Tragödie die ich im Gebrauch des Enneagramms sehe, besteht darin, dass es Menschen dazu benutzen, weiterzuschlafen, indem sie sagen "Ich bin eine Sechs und du bist eine Vier und deshalb verhältst du dich so und so." Oder "Wer bist du?... Du bist eine Acht, dann bist du so und so...". Das bedeutet, noch tiefer weiterzuschlafen anstatt die Fixierung zu der Erkenntnis zu benutzen, dass sie eine Trance darstellt. Die Fixierung ist nicht das, was du bist. Wenn du erkennst, dass du nicht deine Fixierung bist, dann ist es möglich aufzuwachen und zu erkennen, wer du wirklich bist. In der Vergangenheit war diese Erkenntnis sehr selten. Wenn wir in der Geschichte zurückblicken – wie viele erwachte, erleuchtete Wesen finden wir dort?

Wir gehen 2500 Jahre zurück bis zu Buddha oder Jesus Christus. Vielleicht gab es einen Menschen pro Generation. Vielleicht einen pro zehn Generationen. Aber das können wir nicht länger hinnehmen. Es kann nicht mehr nur einer sein, irgendwo, zu irgendeinem Zeitpunkt. Während Mutter Erde stirbt, streut sie ihre Samen in den Wind. Du hast hier und jetzt die Möglichkeit, persönlich und direkt zu erkennen, dass du der Buddha bist, dass du Jesus Christus bist, dass du die Wiederkunft Christi bist. Und das einzige, was dir den Weg zur direkten Erkenntnis dessen, was ist, blockiert, ist die Identifizierung mit deiner Fixierung. Und daraus ergeben sich Rechtfertigungen, die alten Leidensmuster fortzusetzen und weiterhin aus der unbewussten Identifizierung mit der Fixierung heraus zu handeln.

Schließe für einen Moment deine Augen und entspanne dich. Vielleicht hast du bereits verschiedene Meditationstechniken gelernt und ich bin sicher, dass sie alle ihren Wert haben. Aber in diesem Moment ... auch wenn du keine einzige Technik kennst ... schließe deine Augen .. .und entspanne deinen Geist vollständig ... lass dich tiefer in diese Entspannung sinken ... auf eine tiefere Ebene ... jenseits der Oberfläche der Gedanken ... und während du dich tiefer sinken lässt ... bringe deine Aufmerksamkeit weg von deinen Körperempfindungen ... bringe deine Aufmerksamkeit weg von den Körperempfindungen ... weg von deinen Gedanken ... und bringe deine Aufmerksamkeit für einen Moment zu dem, was bewusst ist, was wahrnimmt ... Und während du dort bist, würde ich dir gern etwas vorlesen, einen Abschnitt aus der Avadhuta Gita:

 

 

Wie soll ich von dem Einen sprechen, das nicht-dual ist?

Wie soll ich von dem Einen sprechen, das das Wesen der Dualität besitzt?

Wie soll ich von dem Einen sprechen, das ewig und nicht-ewig ist?

Ich bin der Nektar der Erkenntnis – reine Existenz wie der Himmel.

Es ist weder grob noch fein.

Es ist weder erschienen noch kann es verschwinden.

Es ist ohne Anfang, Mitte und Ende.

Es ist weder erhaben noch niedrig.

Ich spreche wahrhaftig die höchste Wahrheit und die höchste Wirklichkeit.

Ich bin der Nektar der Erkenntnis – reine Existenz wie der Himmel.

Erkenne alle Instrumente der Wahrnehmung als ätherischen Raum.

Erkenne alle Objekte der Wahrnehmung als ätherischen Raum.

Erkenne, dass dieses ungeteilte Eine weder gebunden noch frei ist.

Ich bin der Nektar der Erkenntnis – reine Existenz wie der Himmel.

 

Ich nehme an, dass jeder hier im Raum einen Moment hatte, in dem der Geist still war, ohne Gedanken, und in dem wir den Körperempfindungen keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es gab vielleicht einen Moment, in dem wir etwas wahrnehmen konnten, das jenseits von Worten ist, jenseits von Raum und Zeit und jenseits der Idee von "Ich und meine Geschichte". Dies ist die Wahrheit der Existenz, die Wahrheit dessen, was wir sind. Dies ist das eine "Ich", das durch alle anderen "Ichs" hindurch scheint. Es ist möglich, unser Leben aus der Tiefe dieser Erkenntnis heraus zu leben. Das einzige Hindernis auf dem Weg dorthin ist die unbewusste Identifizierung mit unserem Körper, der bestimmte Wünsche und Bedürfnisse und eine bestimmte Vergangenheit und Zukunft hat. Das Hindernis ist der Glaube daran, dass "Ich" dieser Körper bin.

In dem Moment, in dem unser Geist still war, gab es kein "Ich", und dennoch war etwas da. Es ist Das, was sich niemals wandelt, Das, was hier war, bevor wir geboren wurden, Das, was hier sein wird nachdem wir gestorben sind, und Das, was hier ist, in jedem einzelnen Augenblick. Das ist es, was wir wirklich sind. Und weil es uns so vertraut ist, übersehen wir es in der Identifizierung und dem Glauben des "Ich bin jemand", "Ich bin dieser Körper".

 

Charakterfixierungen: Ein neues Modell der Psyche

 

Wenn es richtig angewendet wird, besteht die große Gabe des Enneagramms darin, die unbewusste Identifizierung des „Ich bin jemand“ aufzudecken. Ich möchte daher zuerst an dieser Stelle das  Enneagramm neu definieren. Ich lernte es als das „Enneagramm der Persönlichkeit“ kennen und ich glaube jeder, auf dieser Konferenz  verwendet es als Enneagramm der Persönlichkeit. Meiner Erfahrung entspricht das jedoch nicht vollständig, daher möchte ich es gern „Enneagramm der Charakterfixierungen“ nennen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied. Ich möchte ein einfaches und hilfreiches Modell der Psyche vorstellen, das zeigt, wo Charakterfixierungen in Bezug auf Persönlichkeit und Essenz liegen. Der äußerste Ring oder die äußerste Schicht ist die Persönlichkeit. Diese Schicht ist die reine Oberfläche. Die meisten Menschen machen eine Therapie, um ihre Persönlichkeit zu ändern: um mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen, bessere Beziehungen zu führen, weniger Angst und mehr Selbstvertrauen zu haben. Dies sind alles Änderungen der Persönlichkeit. Jeder hier hatte vermutlich die eine oder andere Therapie – dies ist die Religion unserer Zeit. Wir gehen nicht zum Priester um zu beichten, wir gehen zum Therapeuten. Und vielleicht stellen wir fest, dass wir mithilfe der Therapie tatsächlich unsere Persönlichkeit ändern können. Wir können mehr Selbstvertrauen haben. Wir können zu rauchen

aufhören. Wir können bestimmte Gewohnheiten und Muster aufbrechen. Und obwohl die Arbeit an der Persönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wertvoll sein kann, ist sie letztendlich nicht vollständig befriedigend. Es reicht uns nicht, einfach eine bessere Persönlichkeit oder ein besseres Leben zu haben. Wir wollen etwas, das tiefer geht. Wir ändern die Persönlichkeit, aber das Fundament der Persönlichkeit ändern wir nicht – und das ist die Charakterfixierung, die das Enneagramm beschreibt. Das grundlegende Problem ist nicht die Persönlichkeit. Es ist die Identifizierung mit „etwas“ anderem als dem, was wir wirklich sind. Die Charakterfixierung ist auch nicht das, was wir wirklich sind, aber sie zeigt uns, womit wir uns unterbewusst identifizieren – als „Ich und meine Geschichte“. Die meisten New-Age-Therapien können uns helfen, unsere Geschichte zu ändern oder eine bessere Geschichte zu haben. Wenn wir einen negativen inneren Dialog führen, ist es definitiv besser, einen positiven inneren Dialog zu führen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann es sehr wertvoll sein, die eigene Geschichte zu ändern. Aber auch das ist letztendlich nicht befriedigend.

Wir haben mehr Geld, wir bekommen einen besseren Job, wir haben bessere Beziehungen aber das „Ich“ ist immer noch da. Das ist das Haar in der Suppe! Ich habe nichts gegen ein besseres Leben, aber wenn wir hier aufhören, bleiben wir auf halber Strecke stehen.

 

Mir ist aufgefallen, dass Menschen, die ihr Leben bereits auf eine bestimmte Weise verbessert haben, am Ende in die gleichen alten Schleifen verfallen. Wir suchen nach Schuldigen und Gründen und fragen uns, was bloß mit unseren Eltern passiert ist. Am Ende hat man diese uralte Geschichte einfach über und ist bereit, sie gehen zu lassen. Und das ist die gute Nachricht: das Enneagramm bietet die Möglichkeit, sie zu beenden. Wir erkennen deutlich die ego-geleitete Identität von „Mir und meinem Leben“ und geben diese Geschichte auf, um uns völlig auf die Erkenntnis und das Leben des Wahren Selbst einzulassen. Ohne die Gnade von Ramana Maharshi würde ich heute nicht vor euch stehen. Ich hatte viele Lehrer, wie wir alle, bekannte und unbekannte, sichtbare und unsichtbare, und ich bin unendlich dankbar für sie alle. Lehrer, die mich mit Leid unterrichtet haben. Lehrer, die mich mit Gnade unterrichtet haben. Lehrer, die mich mit Stille unterrichtet haben. Lehrer, die mich mit bestimmten Umständen und Tests unterrichtet haben. Aber letzten Endes, nach vielen Jahren des Suchens fand ich endlich einen Wahren Lehrer. Einen Lehrer, der die Stille übertragen konnte – und der so das Beenden des Ego-Geistes übertragen konnte. Hier ist ein Zitat vom Lehrer meines Lehrers, Ramana Maharshi:

 

Das persönliche Gebilde, das seine Existenz mit dem Leben in einem physischen Körper

gleichsetzt und sich selbst als »ich« bezeichnet, ist das Ego.

Der physische Körper, der an und für sich unbewegt ist, besitzt kein Ich-Bewusstsein.

Das Selbst, das reines Bewusstsein an sich ist, besitzt kein Ich-Bewusstsein.

Geheimnisvollerweise erhebt sich zwischen diesen beiden das Ich-Bewusstsein, der Ich-Gedanke.

Dieses Ego oder die getrennte persönliche Identität bildet die Wurzel allen Leidens im Leben.

Deshalb ist es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vernichten.

Das ist Befreiung oder Erleuchtung oder Selbsterkenntnis.

 

Das Enneagramm beschreibt auf wunderbar klare Weise den Knoten der Ego-Fixierung. Dies ist der Ort, an dem sich der Höhere Geist fälschlicherweise mit der Materie identifiziert und sich selbst im Ego verknotet hat. Dies ist der Ort, an dem das Bewusstsein plötzlich gesagt hat: „das bin ich“ und anstatt sein grenzenloses und unsterbliches Selbst zu erkennen sagt es: „Ich bin dieser Körper“. Und egal ob wir uns mit „jemand“ oder „niemand“ identifizieren, ist es grundsätzlich diese falsche Identifizierung, die Begrenztheit und Leid erzeugt. Ein erfolgreicher Therapeut braucht Bewusstheit, Leerheit und Liebe. Bei der Ausbildung von Therapeuten habe ich im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass die Grundlage einer guten Therapie nicht darin besteht, wie tief der Klient gehen kann sondern wie tief der Therapeut ist. Das Enneagramm gibt uns eine Struktur, die auf die Tiefe des Daseins hindeutet. Die gleichen Eigenschaften, die einen guten Therapeuten ausmachen sind auch die Grundlagen, auf denen das Enneagramm aufbaut: Bewusstheit, Leerheit und Liebe. Bewusstheit, Leerheit und Liebe repräsentieren die drei Körper der Schöpfung. Die Wahrnehmung und Unterscheidung des physischen, emotionalen und mentalen Körpers ist sehr wichtig. Idealerweise sind der physische Körper und die Sinne stets bewusst – Bewusstheit ohne Geschichte, ohne Urteile, ohne persönliches Ziel oder persönliche Bedürfnisse. Einfach reine Bewusstheit. Auf der Ebene des mentalen Körpers ist der Geist ruhig, still und leer. Er muss nichts wissen, muss nicht Recht haben, muss nichts tun. Mir ist klar geworden, dass sich die Tiefe eines Wesens in „nicht wissen“ zeigt. Dieses „Nicht wissen“ nenne ich „Leerheit“; es ist ein ruhiger und stiller Geist. Unser ganze Gesellschaft ist auf Wissen aufgebaut: „Wenn ich nur genug weiß, dann weiß ich, was zu tun ist und dafür bekomme ich dann die Belohnung. Wenn ich genug weiß, werde ich erfolgreich sein.“ Die Herausforderung besteht darin, das Nicht-Wissen zuzulassen, dem Geist das Stillsein zu erlauben. In dieser Stille öffnet sich das Herz ganz natürlich. Dieses offene Herz ist reine Liebe. Und darin liegt die Möglichkeit, wirklich zu dienen. Mit diesem Modell habe ich einige Jahre gearbeitet, bevor ich 1990 meinem Lehrer Sri Poonjaji begegnete. Damals machte ich eine großartige Entdeckung: Das Wort für „Wahres Selbst“ in Sanskrit ist Satchitananda. Und die Offenbarung bestand darin, dass die Bedeutung von Satchitananda Bewusstheit, Leerheit und Liebe ist. Sat bedeutet Bewusstsein als „Existenz“, Chit bedeutet Bewusstsein als „Intelligenz“ und Ananda bedeutet Bewusstsein als „Liebe und Glückseligkeit“. Auf Sanskrit finden wir diese drei Qualitäten in einem Wort, weil sie nicht getrennt existieren können, genauso wenig wie man die Hitze, das Licht und das Brennen des Feuers voneinander trennen kann. Aber im Modell des Enneagramms tun wir so, als könnten wir diese Qualitäten voneinander trennen. Bewusstheit, Leerheit und Liebe sind drei Qualitäten des Wahren Selbst, das in Wirklichkeit untrennbar ist. Dies ist Satchitananda. Dies ist das Selbst.

 

Wie wäre es, wenn wir jedes Mal, wenn wir etwas über uns selbst sagen, jedes Mal wenn wir „Ich“ sagen, uns auf dieses Höhere Selbst beziehen würden? Wie wäre es, wenn sich „Ich“ auf unbegrenzte, unsterbliche, bewusste Liebe beziehen würde? Wie wäre es, wenn das, worauf wir uns beziehen, nichts mit diesem Körper zu tun hätte?

 

Der Trancezustand der menschlichen Existenz

 

Wir können entdecken, dass wir Unsterbliche Existenz sind – dass wir vor und nach dem Leben des Körpers präsent sind. Ich glaube, dass die meisten Menschen bereits in Trance sind und entdecken, dass sie aus der Trance erwachen können. Die Induzierung der Trance beginnt mit der physischen, materiellen Welt, die wir für fest, real und getrennt von uns selbst halten. Dabei wissen wir bereits durch wissenschaftliche Forschung, durch Heisenberg und die Quantenphysik, dass das physische Universum eine Illusion ist und nicht so ist, wie es zu sein scheint. Es wirkt so, als gäbe es verschiedene, voneinander getrennte Objekte im Raum, aber den Wissenschaftlern zufolge brauchen wir nur nah genug heranzutreten um einzelne „Atome“ zu erkennen. Wenn wir wiederum das Atom genauer anschauen, werden wir feststellen, dass es hauptsächlich aus leerem Raum besteht. In diesem Raum finden wir noch kleinere Partikel, Protonen, Neutronen und Elektronen. Aber auch diese kleinsten Bestandteile sind bei genauerem Hinsehen je nach Perspektive entweder Partikel oder Wellen. Und sie blinken und gehen abwechselnd an und aus! Durch eine kleine Verschiebung im Sehbereich unseres Auges werden aus getrennt scheinenden Objekten der materiellen Welt stehende Wellen, die an und aus gehen. Es ist ein Trancezustand. Es ist reine Illusion, ein Zaubertrick. Es existiert nicht wirklich. Innerhalb dieser universellen Trance liegt die Trance der menschlichen Existenz – unser Glaube, dass das Sein im „Menschsein“ verankert ist. Das Wort „Menschsein“ selbst beinhaltet, dass das Sein dort zu finden ist. Was aber, wenn der Körper verschwindet? Heißt das, dass das Sein verschwindet? Wir haben die Möglichkeit, unser Wahres Selbst als Unsterbliches Sein zu entdecken. Dass wir vor und nach dem Leben des Körpers präsent sind. Aber diese Entdeckung können wir nicht machen, solange wir glauben, dass wir eine Nummer oder ein Typ sind. Wir haben die Möglichkeit, aus dem Trancezustand der Fixierung aufzuwachen. Das Enneagramm ist das westliche Geschenk innerhalb des Erleuchtungsprozesses. Wie ich bereits sagte, ist in der Vergangenheit lediglich eine Seele in wer weiß wie vielen Jahren erwacht. Jetzt aber haben wir genügend Potenzial, damit alle erwachen. Das Enneagramm gibt uns das Benutzerhandbuch und so können wir feststellen, dass wir nicht die Maschinerie sind.

Der westliche Mythos beginnt meines Wissens mit Adam und Eva. Adam und Eva sind im Garten Eden, sie sind glücklich, sie sind eins, es gibt kein Selbst-Bewusstsein, die Dinge fließen einfach. Aber sie sind nicht erleuchtet. Plötzlich taucht der Teufel auf. Was macht der Teufel? Er sagt: „Esst die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ Was bedeutet das? Das ist der Geist. Der Geist ist die Dualität von Gut und Böse, richtig und falsch, an und aus. Als sie die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen, erhalten sie auf einmal Selbst-Bewusstsein. Und sie schämen sich. In diesem Moment der Scham werden sie gezwungen, den Garten zu verlassen.

 

Und seit sie nicht mehr im Garten Eden sind, bevölkert ihr Samen die Erde und zerstört sie. Der Geist, der gegen Gott rebelliert hat, kann als Herrscher machen, was er will. Mit dem Geist als willkürlichem Herrscher haben wir Unwissen, Armut, Chaos, Gier, Selbstsucht und Umweltzerstörung. Am Ende kehrt der Geist an seinen rechtmäßigen Platz zurück. Er muss seinen Platz als Herrscher an Gott abgeben. Wir können das Ganze metaphorisch als einen Pakt mit dem Teufel betrachten. Der Teufel macht einen Pakt mit uns. Er gibt uns alles, was wir wollen. Das heißt hauptsächlich Geld, Sex und Macht. Das einzige, was der Teufel im Gegenzug will, ist unsere Seele und die werden wir sowieso nicht vermissen, weil wir gar nicht wussten, dass wir überhaupt eine hatten. Worin besteht der Pakt? Warum kann uns der Teufel diese weltlichen Freuden (Geld, Sex und Macht) geben und wozu braucht er unsere Seele? Der Witz an der Sache ist, dass der Teufel unsere Seele braucht, weil die weltlichen Freuden nur im Licht der Seele begehrenswert erscheinen. Es ist wie im Kino: So lange wir die Leinwand anschauen und zusehen, wie die bunten Lichter an und aus gehen, können wir traurig sein oder weinen oder ängstlich oder böse werden. Weil wir so vom Film fasziniert sind, drehen wir uns nie um, um das Licht zu sehen. Wenn wir bereit sind, uns vom Film abzuwenden, werden wir feststellen, dass er nur aus Licht besteht und der Film verschwindet. Mit ist jedoch aufgefallen, dass die meisten Menschen gar nicht wollen, dass der Film verschwindet und sich daher auch nicht für das Licht, das den Film erzeugt, interessieren – es sei denn, das Licht erscheint als ein weiteres Objekt innerhalb des Films. „Das hier will ich mitnehmen, das ist ziemlich gut. Ich habe meinen Job, ich habe meinen Mercedes. Lass uns das mitnehmen und uns dann dem Licht zuwenden.“ Aber es nicht möglich, gleichzeitig den Film zu sehen und sich dem Licht zuzuwenden, daher wird „das Licht“ zu einem weiteren Objekt im Film, den der Geist zu verstehen versucht. Und wenn wir es mit dem Geist verstanden haben, wird es zu „meinem Licht, meiner Wahrheit“. Letztendlich werden wir feststellen, dass uns die weltlichen Freuden auf Dauer nicht befriedigen. Sie lassen eine gewisse Bitterkeit zurück, einen Nachgeschmack des Leidens. Für einen Moment genießen wir diese Freuden, aber sie sind am Ende nicht erfüllend. Zu diesem Zeitpunkt bist du bereit, dich vom Film abzuwenden und dich der Quelle und dem Licht zuzuwenden. Das Enneagramm liefert uns die Charaktere des Films sehr schön und detailliert. Die Eigenschaften der Essenz, der grundlegenden Güte sind jedoch Eigenschaften der Seele.

 

Dies ist das wahrhaftige Potenzial der Menschheit. Wir können sagen, dass jede Fixierung eine Eigenschaft der Essenz verbirgt. Wenn die Fixierung aufhört, zeigen sich diese Eigenschaften der Essenz. Die folgenden Eigenschaften der Essenz werden sichtbar, wenn die Fixierung sie nicht mehr verbirgt:

 

Die Zornpunkte (physischer Körper):

Punkt Acht: Shakti oder kosmische Macht

Punkt Neun: Gewahrsein

Punkt Eins: Reinheit

 

Die Angstpunkte (mentaler Körper):

Punkt Sieben: Versunkenheit

Punkt Sechs: Leere, reine Intelligenz

Punkt Fünf: Frieden

 

Die Imagepunkte (emotionaler Körper):

Punkt Zwei: Güte

Punkt Drei: Liebe

Punkt Vier: Freude

 

Ich möchte, dass Ihr euch darüber klar werdet, dass diese Punkte immer noch um Satchitananda herum gruppiert sind. Punkt Neun ist das Sein, was gleichzeitig das Gewahrsein ist, und Shakti und Reinheit sind Eigenschaften des Seins. Reine Intelligenz oder Leere finden wir bei Punkt Sechs und Frieden und Versunkenheit sind Eigenschaften der Leere. Liebe finden wir bei Punkt Drei des Enneagramms und Güte und Freude sind Erscheinungsformen oder Eigenschaften der Liebe. Diese Eigenschaften sind Eigenschaften der Seele oder des „feinstofflichen Körpers“ und sie entwickeln sich während lebenslanger Tests. Wir begegnen Menschen, deren Essenz ganz offensichtlich ist und leuchtet. Vielleicht sind sie nicht erwacht, vielleicht sind sie nicht Selbst-Verwirklicht aber ihre Essenz ist deutlich und offensichtlich. Vor einigen Jahren arbeitete ich mit einem amerikanischen Indianer-Ältesten zusammen, der Schwitzhütten machte. Jeder der ihn traf, konnte in seinem Gesicht die Güte und grundlegende Freundlichkeit sehen, die jede Fixierung durchbrach. Der Schleier der Fixierung konnte da sein oder verschwinden, aber die grundlegende Güte war immer in ihm. Diese Eigenschaften der Essenz, wie zum Beispiel grundlegende Güte, sind Eigenschaften der Seele. Hier ist unsere Chance, das wahre Potenzial der Menschheit. Die Essenz ist das, was verschleiert wird, sobald der Film losgeht. Sobald wir „jemand“ sind, gibt es eine Eigenschaft der Fixierung, die die Eigenschaften der Essenz entweder imitiert oder sich von ihnen fortbewegt. Sobald das „Ich bin jemand“ auftaucht, gibt es auch den physischen, mentalen und emotionalen Körper mit seinen Empfindungen, Gedanken und Gefühlen. Normalerweise ist es das, worauf wir uns beziehen, wenn wir „ich“ oder „mich“ sagen. Der physische, mentale und emotionale Körper ist „das, was ich bin“. Dies ist der Trancezustand, der sich als Charakterfixierung herauskristallisiert.

 

Der Ursprung von Fixierung und Leid

 

Wir bilden uns also ein, wir seien „jemand“, und die natürliche Konsequenz dieser Einbildung ist Leiden. Wenn das, was ich bin, ein physischer Körper ist, dann entsteht Zorn darüber, wer die Kontrolle besitzt, und Angst und Zweifel über das Überleben des Körpers. Als ein Körper stelle ich fest, dass ich Bedürfnisse habe. Und in dieser Bedürftigkeit erschaffen wir eine täuschende Maske im Versuch, die gewünschten Dinge und das, was wir für Liebe halten, zu bekommen. Anstelle von Gewahrsein taucht im physischen Körper Zorn auf. Anstelle von Leere und reiner Intelligenz tauchen im mentalen Körper Ängste und Zweifel auf. Und anstelle von reiner und unsterblicher Liebe und Glückseligkeit taucht im emotionalen Körper Bedürftigkeit auf und der Antrieb, ein Image zu erschaffen, von dem wir glauben, dass es uns zu dem verhilft, was wir für Liebe halten. Das Denken imitiert die Wahre Intelligenz, die still und leer ist. Der innere Dialog, der Kommentator hält uns in der Trance fest: „Das bin ich, das ist meine Geschichte, das ist meine Vergangenheit und dies sind meine Erfahrungen.“ Dieser innere Dialog erzeugt die Illusion eines „Handelnden“. Wir stellen uns vor, wie wir handeln, und wir handeln entweder richtig und gut oder falsch. Das Enneagramm ist ein Spiegel, der die menschliche Existenz und den Glaubenssatz des:

„Ich bin jemand, ich bin ein Körper“ reflektiert. Weil ich dieser Jemand bin, bin ich zornig, ängstlich oder bedürftig. Und außerdem bin ich auch noch ein lüsterner, fauler, zorniger, stolzer, betrügerischer, neidischer, habgieriger, zweiflerischer Fresssack. Und die Menschen wollen das verbessern! Das ist der Witz der Sache. Wenn wir erst einmal die Fixierungen kennen, können wir uns nicht mehr täuschen. Wir können uns nicht mehr damit veralbern, dass diese Dinge spontan auftauchen, weil wir den Unterschied zwischen Spontaneität und Fixierung kennen. Es ist ganz offensichtlich.

Die meisten Menschen haben vermutlich keine Ahnung, wovon ich spreche. Aber wenn du hören kannst, was ich sage und es für dich einen Sinn ergibt, dann bedeutet das, dass du spirituell reif und bereit bist.

 

Jetzt nimm die größte Herausforderung deines Lebens an. Vielleicht stellen wir fest, dass wir wirklich eine bessere Fixierung werden können, aber trotzdem fehlt etwas, es gibt da ein grundlegendes, nagendes Gefühl. Irgendetwas ist nicht erfüllt. Wenn wir Glück haben! Nur wenn wir Glück haben. Und dies ist spirituelle Reife. Die meisten Menschen auf der Welt können gerade einmal bis zur nächsten Mahlzeit denken. Und wenn sie diese Mahlzeit zusammenbekommen, dann denken sie an ein Heim und Kleidung für ihre Familie. Damit sind die meisten Menschen auf der Welt beschäftigt. Wir sind privilegiert. Wir sind die Prinzen und Prinzessinnen, die Könige und Königinnen dieser Welt. Wir haben genug Zeit und Geld, um hier zu sitzen und zuzuhören. Das macht aus uns eine privilegierte Elite und gibt uns die Möglichkeit, aufzuwachen und endlich diese Leidensgeschichte zu beenden. Wir können uns auch dafür entscheiden, zum alten Kreislauf der Unsicherheit zurückzukehren: „Und wer bezahlt die Miete?“ „Und was ist mit meiner Arbeit?“. Und schon sind wir wieder auf dem Level der armen Seelen, die nicht genug zu essen haben. Aber es ist eine Lüge! Du betrügst dich selbst um die Chance deines Lebens. Spezielle Kräfte heißen auf Sanskrit „siddhis“. Viele Leben waren nötig, um diese siddhis zu verdienen. Wir haben die Macht, um die Welt zu fliegen. Wir können hier herkommen und müssen uns nicht um die nächste Mahlzeit sorgen. Wir haben die Wahl, diese Macht weise einzusetzen. Wenn wir sie weise einsetzen, dann haben wir denen, die verhungern, nichts weggenommen, sondern wir machen ihnen ein Geschenk.

Dann ist unser Leben nicht eine weitere Last für Mutter Erde, sondern wir geben etwas zurück. Alle möchten den Hunger auf Erden beenden, aber wie viele Mahlzeiten können wir in diesem Augenblick den Hungernden geben? Nicht allzu viele. Einen stillen Geist können wir dagegen jedem geben. Wir können das Ende der Fixierungen an jeden in diesem Raum weitergeben. Dies ist ein Geschenk, dass wir sogar weitergeben können, und dann hat das Leben plötzlich einen Sinn und Zweck. Dann kann uns Mutter Erde feiern. Und dann brauchen wir uns auch nicht mehr um unsere Existenz zu sorgen, denn Mutter Erde kümmert sich um unsere Existenz.

 

Der Wunsch nach Glück, der in jedem Menschen lebt, drückt sich normalerweise als mehr, besser und anders aus. Mehr Essen, besseres Essen, anderes Essen. Mehr Sex, besserer Sex, anderer Sex. Mehr Dinge, bessere Dinge, andere Dinge. Wir verbringen unser ganzes Leben damit, mehr, besser und anders zu bekommen und anzusammeln, bis wir endlich merken, dass uns das nicht erfüllt. Wir wollen etwas Tieferes. Das ist spirituelle Reife. Die Erde ist ein Sklavenplanet. Alle schlafen und niemand wacht auf, weil wir genug zu essen und genügend Ablenkung haben: „Es mag sein, dass ich im Gefängnis bin, aber hey, ich habe einen großen Teppich, einen Farbfernseher ... es ist gar nicht so schlecht!“ Die meisten Menschen haben vermutlich keine Ahnung, wovon ich spreche. Aber wenn du hören kannst, was ich sage, und es für dich einen Sinn ergibt, dann bedeutet das, dass du spirituell reif und bereit bist.

 

Wir können jetzt die Herausforderung unseres Lebens annehmen. Wir brauchen dafür den Willen, gegen unsere gesamte Konditionierung anzugehen. Wir brauchen den Willen, aus dem Gefängnis auszubrechen.

 

Die Leidenschaft der Fixierung

 

Wenn wir es weder unterdrücken noch ausleben, spüren wir ein starkes inneres Brennen. Dieses Brennen ist der Scheiterhaufen der Fixierung. Wenn sich der Wunsch nach Glück innerhalb der Fixierung zeigt, erscheint er als eine der Leidenschaften.

 

Der Wunsch nach Glück in der Acht zeigt sich als Wollust. Der Wunsch nach Glück in der Zwei zeigt sich als Stolz. Der Wunsch nach Glück bei der Drei zeigt sich als Täuschung.

 

Der Wunsch nach Glück wird vom Geist erobert und durch die Fixierung hindurch gefiltert – daraus ergibt sich die Leidenschaft. Das Gegenmittel hierfür ist gleichzeitig der Weg. Es ist der Wille, die Fixierung nicht auszuleben aber sie auch nicht zu unterdrücken. Dies ist die Gelegenheit dazu.

 

Wir kommen aus der unterdrückerischen Kultur der 1950er. Innerhalb der Gegenkultur haben wir uns alle in verschiedenem Maße ausgelebt. Viele von uns haben ihre Sexualität oder ihre Wut im Namen der Freiheit ausgelebt. Wir haben auf viele verschiedene Weisen unsere Fixierungen ausgelebt und sie gerechtfertigt. Die Chance dieses Lebenszyklus ist es, mit der Fixierung aufzuhören, sie weder auszuleben noch sie zu unterdrücken. Dies ist ein völlig neues Gebiet. Wenn wir sie weder ausleben noch unterdrücken, entsteht ein starkes, inneres Brennen. Dieses Brennen ist der Scheiterhaufen der Fixierung. Wir können diesem Feuer alles opfern, alles, was brennen kann, können wir ins Feuer werfen. Und dann finden wir heraus, was wir nicht verbrennen können. Wir finden heraus, was übrig bleibt. Dieses Brennen ist das Feuer der Freiheit. Es kann nicht festgehalten werden. Es kann nicht gelöscht werden. Es kann weder gekauft noch verkauft werden. Die reifen Seelen hungern danach. Die, die sich nach etwas Tieferem sehnen. In dieser Sehnsucht nach etwas Tieferem liegt die Chance, das Spiel mit den Fixierungen zu beenden.

 

Die Heiligen Ideen

 

Jede Fixierung verkörpert eine Heilige Idee und benutzt diese dazu, sich weiterhin mit der Fixierung zu identifizieren. Die Heilige Idee überwindet möglicherweise sogar das Ego. Heilige Ideen sind gleichzeitig eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass jede Heilige Idee von der Fixierung vereinnahmt und dazu benutzt wird, eben diese Fixierung zu rechtfertigen. Für die Neun ist die Heilige Idee die Liebe. Die Neun sagt: „Ich möchte ein liebender Mensch sein. Ich will, dass du mich liebst. Ich will liebenswert sein.“ Und deshalb geht die Neun schlafen, anstatt wütend zu werden. Auf diese Weise wird die Heilige Idee eine Rechtfertigung, um das Leiden fortzusetzen.

Die Heilige Idee für die Eins ist Perfektion. Die Eins verinnerlicht diese Heilige Idee der gewünschten Perfektion und benutzt sie, um alles, was nicht perfekt und vollkommen ist, zu verurteilen: ich verurteile mich selbst für meine Unvollkommenheit, ich verurteile dich für deine Unvollkommenheit, ich verurteile die Welt für ihre Unvollkommenheit. Und all das im Namen der Heiligen Idee der Perfektion.

Für die Zwei ist die Heilige Idee die Freiheit. Sie verkörpert dies, indem sie sagt: „Ich bin frei, um dir zu dienen. Ich möchte mich gern um dich kümmern.“ Und auch diese Heilige Idee wird vom Geist ergriffen und dazu benutzt, das Leiden fortzusetzen.

Für die Acht ist die Heilige Idee die Wahrheit. Im Namen der Wahrheit sind die Achten die größten Lügner und Rabauken im Enneagramm. Denn: „Ich kenne die Wahrheit und du nicht. Ich sage dir, was mit dir nicht stimmt.“ Die Wahrheit wird personalisiert, als würde es um meine Wahrheit gegen deine Wahrheit gehen. Darin besteht das Leiden. Meine Wahrheit und deine Wahrheit gibt es nicht. Das wäre wie Trancezustand gegen Trancezustand, Traum gegen Traum.

Jede dieser Fixierungen verkörpert ihre Heilige Idee und benutzt sie als einen Weg, die Fixierung fortzusetzen. Die Heilige Idee kann das Ego aber transzendieren. Und da wir das Ego als Trancezustand des Geistes nun einmal haben, muss der Geist anfangen, nach seiner eigenen Freiheit zu suchen. Der Geist verlangt nach etwas, das greifbar und real erscheint, und so greift er nach einem verinnerlichten Objekt, wie zum Beispiel den Heiligen Ideen von Wahrheit, Freiheit, Liebe und so weiter. Und wenn unser Wunsch nach Wahrheit, Liebe, Freiheit oder der Quelle von allem größer wird als alles andere, wenn wir bereit sind, unser Leben dafür zu geben, dann überwindet die Heilige Idee das Ego und unser persönliches Leben. Und es führt uns zu etwas viel Tieferem.

 

Die Verschachtelung der Emotionen und das schwarze Loch

 

Wenn wir in das eintauchen und durchdringen, was wir am meisten vermieden haben, entdecken wir, wonach wir uns wirklich gesehnt haben: das Wahre Selbst, Liebe, Frieden, Freude. Wir können die wahre Tiefe des Lebens erfahren.

Die meisten Menschen leben nur an der Oberfläche des Daseins, und mit Oberfläche meine ich die Gedanken über mich und meine Geschichte und die Gefühle des Zorns und der Verletztheit darüber, wer wem was angetan hat. Damit schaffen wir eine Mauer, die uns vor Angst und Verzweiflung schützen soll. Aber die Falltür, die uns in die Tiefe führt, liegt unter der ganzen Angst und Verzweiflung verborgen. Wahre Freude und wahres Glück transzendieren das Enneagramm. Das Enneagramm behandelt negative Gefühle und es wird immer deutlicher, dass diese negativen Gefühle endlich sind. Für die meisten Fixierungen ist Zorn die oberflächlichste, am leichtesten zugängliche Emotion. Wenn wir eine Geschichte hinzufügen, bekommen wir die Variationen des Zorns wie etwa Ärger, Frust, Rache und Eifersucht. Die meisten Menschen können an einem Tag dutzendmal verärgert sein und denken gar nicht darüber nach. Zorn ist sozial akzeptabel. Ich kann entweder wütend auf mich selbst sein, weil ich etwas getan habe, oder ich kann wütend auf dich sein, weil du etwas getan hast. Das bedeutet in der Geschichte der oberflächlichen Emotionen zu leben. Wenn wir bereit sind, tiefer zu gehen, finden wir unter dem Zorn fast immer Verletztheit und Traurigkeit. Diese Verletztheit und Traurigkeit werden vom Zorn verteidigt. Aber wenn wir den Zorn nicht ausleben und ihn auch nicht unterdrücken, können wir den Zorn einfach ohne seine Geschichte erleben und tiefer gehen. Wenn wir tiefer gehen, finden wir fast immer Verletztheit und Traurigkeit. Der größte Teil der Bevölkerung verbringt die meiste Zeit darin. Wenn wir emotional werden, fühlen wir uns entweder verletzt oder wütend über irgendetwas. Für manche Menschen ist es einfacher, den Zorn auszudrücken und für andere die Verletztheit, aber wir schwingen immer zwischen diesen beiden hin und her. Wir haben dann die Tendenz, hier aufzuhören und zu sagen: „Ich fühle mich verletzt und traurig und es ist wegen dir ... es ist wegen meiner Eltern ... wenn ich nur eine andere Kindheit gehabt hätte ...“

Indem wir diese mentale Geschichte konstruieren, haben wir uns schon von der direkten Erfahrung der Emotion gelöst. Und wir fühlen den Zorn und die Traurigkeit gar nicht mehr sondern, sind in unseren Vorstellungen gefangen. Dies ist ein Weg der Dissoziation. Aber wenn wir nicht in die Geschichte hineingehen – die wiederum die Fixierung ist – und sie nicht unterdrücken oder ausleben, dann gehen wir tiefer. Und noch weiter unten finden wir fast immer Angst. Die meisten Menschen möchten keine Angst spüren. Angst ist unerwünscht. Angst bedeutet, dass mit mir etwas nicht stimmt. Angst bedeutet, dass ich nicht genüge. Angst bedeutet, dass ich ein Feigling bin. Angst bedeutet, dass ich nicht weiß, was ich machen soll. All diese Aspekte sind Geschichten über die Angst. Und bevor die meisten Menschen überhaupt in die Nähe der Erfahrung von Angst kommen, schrecken sie zurück und fangen an, Zorn oder Traurigkeit zu spüren oder sich eine Geschichte zu erzählen. Es ist möglich, die Geschichte hier abzubrechen, die Trance der Vergangenheit und der Zukunft abzubrechen und uns zu erlauben, in dieser Angst zu versinken. Das passiert sehr selten. Wahrscheinlich hat uns bisher niemand geraten, das zu tun. Therapeuten erzählen uns meistens, wie wir von der Angst wegkommen, wie wir sie unterdrücken oder in Mut umwandeln können. Aber wenn wir uns regelrecht in der Angst versenken und sie wirklich spüren, werden wir feststellen, dass unter der Angst Verzweiflung liegt – und das ist die gute Nachricht! Alle Ego-Strukturen sind so angelegt, dass wir niemals Verzweiflung spüren. Jede Therapie ist so angelegt, dass wir uns von der Verzweiflung wegbewegen. Alle Workshops sind darauf angelegt, dass wir uns ermutigt fühlen und unsere eigene Realität erschaffen und keine Verzweiflung spüren müssen. Und trotzdem liegt die Verzweiflung jeder Ego-Fixierung zugrunde. Die Wahrheit ist, dass das Ego nicht gut genug ist! Es kann es nicht schaffen. Es existiert nicht! Dabei können wir uns direkt auf das zu bewegen, vor dem wir die meiste Angst haben, auf das zu, vor dem uns unsere gesamte Konditionierung warnt. Und dort liegt die Falltür, unser Notausgang. Der Weg aus der Fixierung und aus unserer Geschichte ist es, Verzweiflung einzuladen. Und bereit zu sein, die Unerträglichkeit der Verzweiflung, dass wir hoffnungslos, hilflos und nicht gut genug sind, anzunehmen. Dass wir nicht wissen, dass wir es nie verstehen werden und dass wir allein gelassen werden. Also rufen wir genau das herbei und fühlen es, ohne es zu unterdrücken, ohne es auszuleben. Und wir lassen uns darin versinken und finden das, was noch tiefer liegt. Die meisten Menschen sagen, dass dort nichts ist. Aber dieses „nichts“ ist keine wahre Leere, es ist nur eine mentale Leere. Es ist eine tote, flache Leere, die ich das schwarze Loch nenne. Das ist es, was wir unter allen Umständen zu vermeiden versuchen. „Ich will nicht in ein schwarzes Loch fallen, ich werde aufhören zu existieren! Ich werde dort nicht lebend herauskommen.“ Und das stimmt. Das Ego kann dort nicht existieren, es kann von dort nicht lebend zurückkehren. Aber wir sind nicht das Ego, wir sind unsterbliche Intelligenz, die einen imaginären Schlaf schläft und so tut, als wäre sie ein Ego.

 

Die französischen Existenzialisten, Sartre und Camus haben das schwarze Loch gefunden, aber sie sind nicht hindurchgegangen. Vieren und Fünfen leben am Rand dieses schwarzen Loches als Teil ihrer Fixierung. Vieren und Fünfen fühlen die Verwundung des schwarzen Lochs, dass etwas fehlt, dass da etwas sein sollte. Dieses innere schwarze Loch hat erstaunliche Ähnlichkeit mit den schwarzen Löchern im Weltall, von denen die Wissenschaftler annehmen, dass sie Zeit und Raum regelrecht in sich aufsaugen. Die Vier versucht das schwarze Loch durch Emotionen zu vermeiden. „Wenn ich genügend Emotionen habe, wird es das Loch füllen.“ Fünfen versuchen es mit Information zu vermeiden. „Wenn ich nur genug weiß, wird mich das vor dem schwarzen Loch retten.“ Die meisten anderen Fixierungen nehmen es nicht so deutlich wahr, manche wissen überhaupt nicht, dass es da ist. Aber das ist es, was unter der Verzweiflung wartet. Wenn wir bereit sind  hineinzutauchen. Wenn wir bereit sind zu sagen: „Ok, heute ist ein guter Tag zum Sterben, komm doch und hol mich!“ Und dann hineinspringen...

Unter dem schwarzen Loch finden wir unser Wahres Selbst. Wir finden die Essenz. Manchmal springt eine Vier, die sonst in Melancholie und Traurigkeit lebt, in die Verzweiflung dieses schwarzen Lochs und gelangt darüber hinaus, und dort findet sie die reine Freude, nach der sie in Beziehungen und in anderen Menschen gesucht hat. Das ist der große Witz an der Sache. Das alles ist möglich.

 

Die Verschachtelung der Emotionen

 

Zorn

Verletztheit und Traurigkeit

Angst

Verzweiflung

Das Schwarze Loch

Essenz

Wahres Selbst

 

Dieses Muster der Verschachtelung der Emotionen trifft auf die meisten Fixierungen zu, jedoch nicht auf alle. Neunen und manche andere Fixierungen ticken anders. Für die Neun ist die nächstliegende Emotion nicht Zorn sondern Traurigkeit. Unter der Traurigkeit liegt meistens Angst. Es fällt der Neun viel leichter, sich traurig zu fühlen als zornig.

 

Damit eine Neun zornig wird, muss sie kurz vor der Verzweiflung stehen, kurz vor der Explosion der Hoffnungslosigkeit. Dies trifft auch auf einige Selbsterhaltungs-Sechsen zu, denn es könnte das Überleben der Sechs bedrohen, wenn sie zornig wird. Viele Sechsen, die ich kenne, halten sich für Neunen und sagen: „Ich werde nicht wütend, ich helfe“. Hilfsbereitschaft ist ein Weg, für Sicherheit zu sorgen. Der Zorn wird unterdrückt und ist näher an der Verzweiflung.

 

Wir können auch direkt vom Zorn in die Essenz tauchen, oder von Traurigkeit, Verletztheit oder Angst. Normalerweise überspringen wir dann aber ein paar Schritte. Wir überspringen Verzweiflung und das schwarze Loch. Diese Schritte warten dann weiterhin als eine Art latente Tendenz auf uns. Zu einem späteren Zeitpunkt tauchen diese Gefühle wieder auf, um erlebt zu werden.

 

Es ist kein Problem – wir können direkt vom Zorn in die Glückseligkeit tauchen. Aber wenn wir lange genug in der Glückseligkeit bleiben, werden Traurigkeit und Verzweiflung auftauchen. Manche haben die Tendenz, in diesem Fall zu sagen: „Ich habe die Glückseligkeit verloren, etwas stimmt mit mir nicht, ich habe es verloren.“ Wir haben nichts verloren. Die Glückseligkeit ist nirgendwo hingegangen, Traurigkeit und Verzweiflung sind lediglich in der Glückseligkeit aufgetaucht, um darin verbrannt zu werden, um auf den Scheiterhaufen geworfen zu werden. Wenn wir uns nicht einmischen, wenn wir uns nicht damit identifizieren, verbrennen sie. Das ist der Schlüssel: nichts dagegen tun und es nicht unterdrücken. Das ist die revolutionäre Neuigkeit. Unser ganzes Leben lang wurde uns eingetrimmt, dass wir etwas ausleben oder unterdrücken müssen. Entweder ist es nicht angebracht, diese Gefühle zu haben oder „Ich sollte das nicht fühlen, also tue ich so, als wäre es nicht da“ oder „Dies ist meine Wahrheit und ich muss dir meine Wahrheit mitteilen, du bist ein Idiot und das muss ich dir sagen“.

 

Es ist möglich, sich nicht zu bewegen, während all das auftaucht. Um sich nicht zu bewegen, müssen wir auf die Geschichte verzichten. Wenn wir keine Geschichte haben, werden wir feststellen, dass unser Geist ruhig ist. Und mit diesem ruhigen Geist werden wir uns des Impulses der Fixierung bewusst. Geh nirgendwo hin. Wir haben die Tendenz, irgendwo hinzugehen. Wir haben die Tendenz, uns in Gedanken zu verlieren, uns mental in einer Geschichte darüber zu dissoziieren, was wir sollten oder was wir nicht sollten.

 

Es ist noch einfacher als das. Wir tun überhaupt nichts. Damit geben wir die Charakterfixierung auf, wir geben den „Macher“ auf. Wenn wir bereit dazu sind, findet eine enorme Entspannung statt. Wir geben all unsere Bemühungen auf. Wenn wir all unsere Bemühungen aufgeben, kann alles, was auftaucht, direkt erfahren werden – ohne es zu beurteilen, ohne es zu unterdrücken, ohne es auszuleben, ohne eine Geschichte darum herum zu konstruieren. Es ist ganz leicht. Es ist das Ende des Leidens, das der Charakterfixierung innewohnt und der Anfang der endlosen Offenbarung als die Wahrheit des Selbst.