Wo
liegen die Wurzeln für all diesen Wahnsinn? Nicht nur
im Irak, auch im Kongo, in Afghanistan, in China und Korea, überall
auf der ganzen Welt? Ständig fügen wir diesem wunderbaren
Planeten und uns selber Schaden zu; was ist der Grund für
dieses Handeln?
Alles
Leiden hat seine Wurzeln in der Ignoranz. Es ist Ignoranz,
welche in der menschlichen Psyche Angst, Gier und Aggression
aufsteigen lässt. All der Schrecken in der Welt, den
wir zur Zeit erleben, lässt sich auf Ignoranz zurückführen;
aus ihr entsteht die Selbstsucht, die als Angst und Gier
und Aggression erscheint.
Ignoranz
bedeutet: die Wahrheit der Situation wird ignoriert. Wenn
man die Dinge ignoriert, neigen sie dazu, unbewusst oder
knapp unter der Oberfläche abzulaufen.
Wir wollen
das, was ignoriert wird, einmal genauer betrachten. Das menschliche
Triebwesen ist anatomisch gesehen ein fleischfressender Primat.
Wie bei vielen Primaten, die am oberen Ende der Nahrungsmittelkette
angesiedelt sind, besteht ein tiefsitzender Drang nach territorialem
Besitz, es ist ein Überlebensmechanismus. Für viele
Spezies bilden Aggression und Dominanz in einer bestimmten
Phase ihrer Entwicklung erfolgreiche Überlebensstrategien.
Bei einigen Arten markiert das Männchen sein Territorium,
indem es darauf uriniert. Unglücklicherweise stellt sich
das Verhalten des Homo sapiens zum gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht viel anders dar.
Solange
die Menschheit nicht zur nächsten Entwicklungsstufe
gelangt ist, werden wir weiterhin unsere animalischen Triebe
ausleben, oftmals unter dem vorgeschobenen Vorwand hoher Ideale.
Alle Tiere werden angetrieben und beherrscht vom biologischen
Imperativ, der dazu dient, die DNS weiterzugeben und zu erhalten.
Das Überleben des Einzelnen ist nur insoweit nützlich
als es den Gen-Pool fördert.
Beziehungen
innerhalb der Familie, Liebesbeziehungen, Arbeitsbeziehungen,
Gefühle
von Nationalismus und Patriotismus – alle beruhen sie
auf Ignoranz und werden angetrieben von dem Drang, das Überleben
der DNS zu gewährleisten. In ferner Vergangenheit waren
Aggression, Gewalt sowie das Leben in der Gruppe als Schutz
vor Gefahren notwendige Überlebensmuster.
Räuberisches
Jagdverhalten und das Zusammenrotten in immer größeren
Einheiten zur Verteidigung des eigenen Territoriums war für
die menschliche Familie eine wichtige Überlebensstrategie.
Unsere tiefsitzenden biologischen Schaltkreise haben das Signal
noch nicht empfangen, dass die Muster, die früher einmal
funktionierten, heute eine gefährliche Fehlfunktion darstellen.
Wenn wir
auf unsere nächsten Artverwandten sehen, erkennen
wir, dass jede einzelne Primatengruppe von einem dominanten
Männchen angeführt wird. Den Silberrücken-Gorilla
in menschlicher Form haben wir im Obersten Kriegsherren, im
Oberhaupt der Mafia-Familie und im Tyrannen einzelner Nationen.
Das Alpha-Männchen als Affe kann sich mit einer Vielzahl
der Weibchen paaren, was die weitere Verbreitung seiner Gene
sichert; er bekommt zudem das beste Essen und den ersten Platz
in der Warteschlange. Dafür ist er der Haupt-Beschützer
der Bande. In vielen Ländern, in denen das Gesetz keine
Anwendung findet, wie in Nordkorea beispielsweise oder bei
den Warlords in Afghanistan sowie in vielen Stammesgesellschaften
wie Serbien und dem Iraq, finden wir Gesellschaften, die vom
Silberrücken-Kult regiert werden.
Innerhalb
der menschlichen Entwicklung ist dann zu einem relativ späten Stadium der göttliche Imperativ hervorgebrochen.
Indem wir unsere Welt in seiner Bedeutung zu erfassen suchten,
haben wir dem Wetter wie auch anderen Kräften, die außerhalb
unserer Kontrolle liegen, göttliche Eigenschaften beigemessen.
Wir haben versucht, die Elemente durch Anbetung und Unterwerfung
zu beherrschen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen,
brachten wir Blutopfer dar und hofften damit, die Götter
milde zu stimmen.
Es wurde
schließlich klar, dass man mit dem rechten Glauben an
einen Gott, der über dir wachte und im Falle deines Sterbens
auch im Leben nach dem Tode für dich sorgen würde,
für den eigenen Stamm ein weitaus besserer Kämpfer
war als jene Heiden, die keinen Gott hatten. Als dies im Gen-Pool
langsam durchsickerte, hatte bald jedermann einen Gott, und
damit war dieser Überlebensvorteil eliminiert – bis
zu dem Zeitpunkt als die alten Hebräer der Welt die Stirn
boten und mit der folgenden Erklärung auftrumpften: Es
gibt nur EINEN Gott, und die hebräischen Stämme sind
Sein auserwähltes Volk!
Und so begann
eine weitere Eskalationsrunde in den Überlebenskriegen der Primaten, bis schließlich
der größte Teil der Welt für sich in Anspruch
nahm, es gebe nur einen Gott – und er beschützt
uns gegen die anderen. |
Es
ist erstaunlich, dass der Gottesglauben der meisten Menschen
auf der Erde in unserer Zeit noch immer einer primitiven Sichtweise
anhängt,
die Gott als Wesenheit irgendwo da draußen existierend
angesiedelt hat, wobei Gott auf ihrer Seite steht und sich
um den Ausgang von Kriegsgefechten kümmert.
Diese
fundamentalistische Sichtweise religiöser Kulte, egal ob christlich, jüdisch
oder muslimisch, ist ganz offensichtlich die Ursache großen
Leides.
Bezogen auf
den gegebenen Kontext haben sich fundamentalistische Terroristen
der Regierung der Vereinigten Staaten bemächtigt. Mit
glühendem Eifer glauben sie daran, dass Gott auf ihrer
Seite steht, indem George Bush nach der Tragödie am 11.
September zu einem neuen Kreuzzug aufrief. Sie glauben, dass
sie die Guten sind, die gegen das Böse kämpfen. Nicht
anders als ihre Opponenten, die fundamentalistischen Terroristen
und wahnsinnigen Diktatoren der Gegenseite, die sich ebenfalls
ganz sicher sind, dass Gott auf ihrer Seite steht.
Das Ego,
das an sich selbstsüchtig, gierig, bedürftig, aggressiv
und voller Angst ist, bedient sich religiöser Überzeugungen
zu seiner eigenen Rechtfertigung und verschließt sich
damit vor jeder aufrichtigen Selbsterforschung. Jeder Führer
eines jeden Krieges und einer jeden Schandtat, die der Umwelt
angetan wird, ist sich sicher, dass er recht hat.
Das ist die
Krankheit der menschlichen Familie.
Was ist
unser Anteil an dem Ganzen und was für Möglichkeiten
haben wir?
Was
die Sünde der
menschlichen Ignoranz angeht, so sind wir alle schuldig, da es
in Wahrheit nur einen Mind* gibt. Wir alle sind in eine Welt
der Ignoranz und des Leidens hineingeboren und teilen diese Bürde.
Die Möglichkeit, dass wir unsere Augen und Herzen dem ganzen
Horror öffnen und den Schrecken erfahren, erscheint uns
allzu überwältigend, so dass die meisten von uns
vorziehen, mit geschlossenen Augen zu leben.
Aber jeder
von uns trägt eine große Verantwortung
und jedem von uns bietet sich eine große Gelegenheit. Wir
alle, die wir Menschen sind, haben denselben Mind und dasselbe
Herz wie der Buddha, wie Christus, wie alle Heiligen und Weisen
und erleuchteten Wesen, die im Lebensstrom dieser menschlichen
Familie erschienen sind.
Soweit ich
es sehen kann, besteht die einzige Möglichkeit,
diesen Wahnsinn zu beenden darin, dass jeder einzelne von uns
sich weigert, daran teilzunehmen. Und das bedeutet, im tiefsten
Sinne, dies: sich dem eigenen Schrecken zu stellen, der tief
in jedem von uns existiert. Jeder von uns muss die Erfahrung
der Ignoranz durchleben, muss den Ort aufsuchen, wo fundamentalistische Überzeugungen
herrschen, wo Angst und Aggression und triebhafte Territorialansprüche
hausen – und entdecken, was darunter ist, was tiefer liegt.
Was tiefer
liegt ist der nächste Schritt in der Entwicklung
des Menschen. Es ist die transzendente Erkenntnis, dass du nicht
auf das animalische Menschsein begrenzt bist. Ich meine damit
nicht, dass es dies lediglich zu verstehen oder zu glauben oder
mit dem Denken zu erfassen gilt, vielmehr, dass du es unmittelbar
für dich selber erkennst.
Es erfordert
die Bereitwilligkeit, deiner persönlichen Identität als männchliches
oder weibliches menschliches Triebwesen den Rücken zu kehren,
und es scheint so als sei das der Tod. Du musst gewillt sein,
dem Tod zu begegnen, bereit, alles zu verlieren, von dem du dachtest,
es mache dich aus. In deiner Bereitschaft, über die persönliche
Identität hinauszugehen, vollzieht sich im Menschsein ein
Entwicklungssprung.
Wenn du weißt, wer du bist, bist du nicht in einer Identität
gefangen, die sich als begrenztes Wesen erfährt, dem man
ideelle Vorstellungen von Religion, Staat, Familie oder Bündnissen
aufzwingen kann. Du stehst allein; und paradoxerweise machst
du die Entdeckung, dass du mit allem eins bist. Indem du das
realisierst, fügst du niemandem Schaden zu. Du bist die
lebende Möglichkeit für alle Menschen. Dein Erwachen
ist die Erlösung für alles Vorangegangene.
* Mind
= Ich-Konzept. Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung
dieses Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus,
Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche
Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)
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