Auf dem Weg zum Dienst
an der Liebe und Weltfrieden
Verrat
ist ein Wort, das für meine Ohren sehr dramatisch
klingt. Es klingt nach Verdammnis und Todesstrafe. Man verrät
sein Land, seine Kirche, seinen Glauben, man missbraucht das
Vertrauen seiner Mitmenschen, man bricht seine eigenen Gelöbnisse,
man verrät die Wahrheit, und so weiter. Was meint ihr,
wenn ihr über Selbstverrat sprecht?
Eli und
Gangaji: Im Verlauf der Jahre, in denen wir mit tausenden
von Menschen sprachen, konnten wir beide bei vielen sehen,
wie in ihnen Momente wahren Verstehens aufblühten. Ein
Augenblick der Ausweitung und eine Erfahrung der Selbsterkenntnis,
die unendlich weiter ist als das, was sich auf einen individuellen
Körper-Geist beschränkt.
Wenn nach
dieser Selbsterfahrung der Mind* aktiv wird und die Erkenntnis
als "meine" Erkenntnis für sich
verbuchen will – das ist der Selbstverrat. Aus diesem
anfänglichen Selbstverrat heraus wird nun entweder egobezogene
Selbsterhöhung oder -herabsetzung auftauchen. Indem wir
mit dem Enneagramm auf tieferen Ebenen arbeiten, können
wir auf die besonderen Mechanismen bestimmter Mind-Aktivitäten
hinweisen und damit die Neigung zum Selbstverrat aufdecken.
Dieses Aufdecken offenbart, dass es eine Wahl gibt, eine Möglichkeit
der Entscheidung, wo gewöhnlich angenommen wird, dass
eine Wahl nicht möglich ist.
Beim falschen
Selbst handelt es sich um das, wofür man
sich (denkend) hält, sei es nun großartig oder wertlos
und klein. Das wahre Selbst ist eine grenzenlose Ausweitung
bewusster Intelligenz.
Wenn wir
von Selbstverrat sprechen, meinen wir, dass durch den Dienst
am falschen Selbst das wahre Selbst verraten wird. Das falsche
Selbst nennt sich "ich selbst", aber
es basiert auf Ignoranz, auf Furcht und Gier. Solange du der
egobezogenen Selbstsucht dienst, verrätst du die reine,
liebende Intelligenz, die das wahre Herz ist. Solange du den
Gedanken folgst und nicht der Liebe, solange du den Stimmen
glaubst in deinem Kopf und nicht der Klarheit der offenen Leere,
solange wirst du dich verraten.
Wenn du
dich selbst verrätst, verkaufst du dich um der
Sicherheit willen oder um Bequemlichkeit oder wegen des Vergnügens.
Du bezeichnest deinen Körper und den Namen, den er hat,
als dein wahres Selbst. Diese Verleugnung deines wahren Selbst
ermöglicht auch den Verrat an allen anderen. Wenn du der
Liebe treu bist, kannst du deine Mitmenschen nicht verraten.
Wenn du – statt der Erkenntnis, dass du dem Wesen nach
formloses, unendliches Sein bist – dich stattdessen nur
als ein "menschliches Wesen" bezeichnest, dann verrätst
du dich und fährst aufgrund dieser Ausrede fort, eigennützige
Wünsche und Fantasien auszuleben. Eigennütziges Verlangen
und eigennützige Fantasien verursachen Leid. Das lässt
sich überall erkennen, auf der Weltenbühne und in
unseren individuellen Beziehungen.
In
den USA lädst du seit dem letzten Herbst die Menschen
zu Retreats ein, die du mit Gangaji zusammen hältst und
deren Thema lautet: "Den Selbstverrat aufdecken".
Es ist neu, auf diese Weise die Leidensmuster direkt anzusprechen.
Gewöhnlich richtet sich die Einladung an die Begegnung
der Stille, an die Entdeckung der Liebe, an die Vertiefung
der Erkenntnis der Wahrheit, etc. Was ist der Grund dafür?
Eli und Gangaji: Unser Lehrer, Papaji, hatte einen radikalen
Plan.
Ramana
Maharshi, Papaji's Lehrer, war ein Heiliger und ein Sadhu,
der nichts besaß und weder Kinder noch weltliche
Verpflichtungen hatte. Ramana hat sich nicht in das Weltliche
verwickelt.
Papaji
war Familienvater und hatte einen Haushalt zu versorgen.
Er war Offizier in der britischen Armee, bevor Indien unabhängig
wurde; er war verheiratet und hatte zwei Kinder großzuziehen,
er hatte infolge der Teilung Indiens eine große Zahl
von Familienmitgliedern durchzubringen, die aus Pakistan geflohen
waren. In alledem war er ein weltlicher Mann.
Sein radikaler
Plan war es, Satsang über die ganze Welt
zu verbreiten und somit den Weltfrieden und die Liebe zu fördern.
Es war sein Gebet, dass alle Wesen im Universum in Liebe und
Frieden leben mögen. Um das zu ermöglichen, entsandte
er Menschen in die ganze Welt, um Satsang zu halten und zu
erklären, dass es möglich sei, auf der Stelle zu
erwachen.
Weil diese Lehren so subtil sind, bewegt man sich hier auf
des Messers Schneide. Und weil Papaji jedem auftrug, Satsang
zu leben und Satsang zu sprechen, und weil er wahre Lehrer
aussandte und dazu jeden, der (lediglich) einen Einblick hatte,
ist es sehr leicht, von des Messers Schneide abzufallen.
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Wir
haben im Verlauf der Jahre gesehen, dass viele Menschen die
Worte gelernt haben, und viele Menschen können eine persönliche
Kraft ausstrahlen, während sie die Worte der Freiheit
sprechen. Die Worte an sich haben eine solche Kraft, dass sie
eine Wirkung erzeugen, selbst wenn ein Papagei sie ausspricht.
Aber selbst
wenn alle Wörter richtig sind: wenn es an
Tiefe fehlt oder wenn man auch nur im mindesten irgendwo landet
oder nur zu 99 Prozent wahrhaftig ist, dann gibt es noch einen
Klumpen an Ego-Identität, der sich schließlich zeigen
wird; im allgemeinen, nachdem das offene Treffen vorüber
ist, und für gewöhnlich geht es dabei um Sex, um
Macht und Geld.
Satsang hat
mittlerweile seine ursprüngliche
Bedeutung verloren. Es bedeutete, mit einem vollständig
selbst-verwirklichten Sadguru zu sitzen, der die Stille und
die Freiheit übermittelt. Da mittlerweile jeder, der einen
Einblick gewonnen hat, Satsang hält, ist es zu einem Konzept
geworden und zu spirituellem Ballast. Es wird zu einer neuen
Religionsform und zu einem Gift anstatt von Medizin.
Um in der
Wahrheit deiner selbst verwurzelt und gefestigt zu sein, musst
du gewillt sein, die Lügen und die falsche Identität
zu sehen, die dein ganzes Leben bestimmt haben. Indem du siehst,
auf welche Art und Weise du dich selbst verrätst, kommst
du hinter die Zaubertricks und deckst sie auf, denn wenn du
sie durchschauen kannst, verlieren sie die Kraft, mit der sie
dich gebunden haben. Auf diese Weise übernimmst du die
direkte Verantwortung für deine eigene Situation. Du musst
nicht mehr auf den nächsten Satsanglehrer warten, der
nächste Woche vorbeikommt.
Zwischen
einem wahren Lehrer und einem wahren Schüler besteht eine
echte Beziehung. Es ist eine Herzensangelegenheit, ein geheimnisvolles
Band der Liebe. Das lässt sich nicht in angemessen Worten
ausdrücken. Der Lehrer sorgt für die Übermittlung
von Stille und Freiheit und hat die Aufgabe, den ernsthaften
Schüler zur vollständigen Festigung zu führen.
Aber ein
Lehrer kann dich nur in dem Maße tiefer führen,
wie er selber darüber hinaus gegangen ist.
Wir verweisen
dich also sowohl auf die Wahrheit deiner selbst als auch auf
die Fallen und die unterbewussten Neigungen, die dich in wieder
in unnötiges Leiden zurückziehen können.
Was mir
sofort gefiel, Eli, als ich dir zum ersten Mal begegnete,
war deine Aufforderung zur Verantwortung. Ich war sehr misstrauisch
in Bezug auf die Idee, dass wir die Welt, das alltägliche
Leben verlassen müssen, um die Wahrheit über uns
selbst zu entdecken.
Einem
Teilnehmer hast du folgendes gesagt: "Wenn
du wirklich Frieden willst, musst du zuerst den Krieg beenden
da, wo du bist." Es war eine direkte Übertragung
deiner eigenen Verpflichtung. Und je öfter ich dir in
den Retreats begegne, umso mehr fühle ich mich dem Frieden
verpflichtet, und zwar da, wo ich gerade bin. Könnt
ihr beide uns dazu etwas sagen, zu diesem Beenden des Krieges
da, wo wir gerade sind?
Eli und Gangaji:
Sofern du lediglich auf die Umstände in deinem Leben reagierst,
kannst du nicht verantwortlich sein. Um fähig zu sein,
angemessen auf eine Situation zu antworten, musst du dir der
unterbewussten Reaktionen bewusst sein, welche das Leben der
meisten Menschen bestimmen. Um von diesen Mustern frei zu sein,
müssen sie an die Oberfläche und ans Licht gebracht
werden.
In jedem
von uns ist Krieg: Ein tiefer Impuls zum Guten, zu lieben und
wahrhaftig freundlich zu sein; und ein egoistischer Impuls,
abzuwehren, sich zu verstecken und Recht zu haben. Die Impulse
des Herzens zu Offenheit und Frieden sind für den egobezogenen Überlebens-Imperativ
mit seinen verschlossenen und bewachten Türen äußerst
schreckenerregend.
Wir alle
können das Grauen in der Welt sehen. Vielleicht können
wir auch sehen, dass die Zerstörungswut, die Kriege, die ökologische
Verwüstung dem Mind entwachsen, der von Ignoranz und Angst
und Gier erfüllt ist. Es ist immer leichter, diese Eigenschaften
bei seinen Feinden zu erkennen. Aber bist du bereit, die Ignoranz,
die Angst und die Gier aufzudecken, die knapp unter der Oberfläche
in deinem persönlichen Leben ablaufen?
Indem du
dich deinen Dämonen stellst und die reglose Stille entdeckst,
die bereits in Frieden ist, kann der Krieg in deinem Innern
beendet werden. Wenn du dich mit dir selber nicht im Krieg
befindest, kannst du wirklich dazu beitragen, dass der Krieg
in der Welt zu Ende kommt.
Dies ist
die Zeit der großen Reinigung aus den Prophezeiungen
der Hopi, der Maya und anderer alten Völker. Diese Reinigung
muss in jedem Herzen geschehen, einer um den anderen, als ein
Akt des freien Willens und der freien Wahl. Es ist ein bewusster
Akt des Opferns. Die Selbstsucht wird hingegeben – im
Dienst der Liebe und des Weltfriedens.
* Mind:
Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung dieses
Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus,
Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche
Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)
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