Was
diese Zeit der Verwundung offenbart, ist die Einsicht, dass
jeder einzelne von uns mit allen Wesen dieser Erde verbunden
ist. Indem der Schleier von Sicherheit und Isolation zerrissen
wurde, ist die kollektive Psyche zerbrochen. Darin liegt eine
große Chance, sich
auf eine neue Art dem Leben ohne Kompromisse zu verpflichten.
Mitgefühl für die, die sterben mussten, kann uns zu
einer tieferen Bereitwilligkeit verhelfen, das Leiden in der
Welt zu beenden.
Wenn
wir in dieser Tragödie die Herausforderung
annehmen, aufzuwachen und die Ignoranz dort, wo wir sind, zu
beenden, dann sind vielleicht die, die jetzt tot sind, nicht
umsonst gestorben.
Eli Jaxon-Bear
15 September 2001
Obwohl ich
jetzt in Kalifornien lebe, bin ich in New York aufgewachsen,
und ich zähle zu den New Yorkern der dritten Generation.
Ich war einer
der Passagiere auf dem ersten Flug, der nach dem Anschlag vom
11. September eine Landeerlaubnis für New York
erhielt. Aus Sicherheitsgründen waren die Flüge vor
und nach dem unseren an diesem Tag gestrichen worden. Wir hatten
Glück und kamen durch.
Bei unserem
Anflug auf den Kennedy Flughafen konnte ich das Feuer und die
riesige Rauchwolke sehen, die sich über Manhatten
ausgebreitet hatte. Doch zwischen mir und dem Geschehen war immer
noch ein Fenster und obwohl es ein Schock war, gab es dennoch
eine gewisse Distanz.
Das Flugzeug
landete, wir waren die einzigen Passagiere in der Abfertigungshalle
unserer Fluggesellschaft. Dies war ein tieferer Schock für das System. Es schien, als wären die düsteren
Zukunftsvisionen der Science Fiction Filme gegenwärtig,
jetzt und hier. Lediglich bewaffnete Männer in Uniform und
ein paar Passagiere in einer verlassenen Abfertigungshalle. Während
wir in unheimlicher Stille zur Gepäckausgabe gingen, konnte
ich den Widerhall meiner eigenen Schritte auf dem Fußboden
hören.
Aber erst,
als der Geruch einsetzte, geschah es. Erst durch den Geruch
von verbranntem Kunststoff, Gummi und menschlichem Fleisch
traf das ganze Ausmaß in seiner Unmittelbarkeit
bis ins tiefste Innere. Als ich die Bilder im Fernsehen sah,
weinte ich. Ich weinte, als der Bürgermeister den Tod ganzer
Brigaden von Feuerwehrleuten bekannt gab. Doch als mir der Rauch
in die Nase stieg und ich ihn schmeckte, wurde eine tiefere Ebene
getroffen.
Zum ersten
Mal in meinem Leben war es in den Straßen von
Manhatten still. Kein Hupen von geschäftigen Taxis und Lastwagen.
Die Menschen auf den Straßen waren offen. Fremde redeten
miteinander und halfen sich gegenseitig. Es war nicht das normale
Leben.
Mit diesem
Angriff war dem gesellschaftlichen Gefüge eine
psychische Wunde geschlagen worden und die Trance von Isolation
und Sicherheit wurde zerrissen. In dieser Verwundung liegt die
Möglichkeit. Indem dieses „normale Leben“ plötzlich
aufhört, liegt darin die Öffnung zum Unbekannten. Natürlich
werden der egobezogene Mind und auch die Regierung, die ja Projektion
des egobezogenen Mind ist, ihrer Tendenz gemäß alles
tun, um das Loch wieder zu schließen und zum „Normalen “ zurückzukehren,
um das klaffende drohende Schwarze Loch, das sich aufgetan hat,
wieder zu vergessen. Der Präsident drängt alle Amerikaner,
sich wieder dem Einkaufen zuzuwenden, so wie Schafe wieder auf
die Weide gehen.
Als junger
Mann war ich bei der Revolution der Sechziger Jahre in unserem
Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und Kapitalismus
an vorderster Stelle. Ich wollte das System stürzen. Wir
gingen auf die Straßen und skandierten „bringt den
Krieg nach Hause!“ Jetzt ist er angekommen.
So traurig
es ist, ich habe eingesehen, dass alle Revolutionen trotz der
besten Absichten zum Scheitern verurteilt sind. Die amerikanische,
die französische, die russische, die chinesische,
die kubanische, um nur einige zu nennen, wurden alle um der menschlichen
Würde willen gekämpft, für Freiheit, Brüderlichkeit,
Gleichheit; für das Recht auf das eigene Glück; damit
Hunger und Leiden abgeschafft würden. Man kann darüber
streiten, inwieweit jede dieser Revolutionen in bezug auf Vorausgegangenes
Besserungen nach sich zog, letztendlich aber sind sie alle fehlgeschlagen.
Alle Revolutionen
mußten fehlschlagen, weil die Menschen
nicht erwacht waren. Die meisten der Revolutionäre waren
schließlich doch nur in ihr eigenes Selbstinteresse verstrickt.
Bewusstsein, gegenseitige Fürsorge, Selbstlosigkeit, wahrhaftige
Liebe lassen sich nicht per Mandat verfügen, sie können
nicht erzwungen werden noch kann man sie herstellen, indem man
die Arbeitsverhältnisse ändert.
Nun müssen wir mit Grauen sehen, wie zuerst in New York
und jetzt in Afghanistan unschuldiges Leben zerstört wird.
Wenn es nahe ist, wie in New York, dann fühlen wir den Schrecken
und den Schmerz. Ist es jemand Unschuldiges in Afghanistan, wird
es vielleicht lediglich zu einem „Kollateralschaden“,
wie es militärisch heißt, mithin zur Nebensache.
Es gibt noch
einen anderen Weg. Indem der Schleier der Illusion zerreißt,
besteht die Möglichkeit, den Hass in sich selbst zu entdecken
und den Krieg in dir selber zu beenden. Hierin liegt eine große
Gelegenheit: nicht zum „normalen Leben“ zurückzukehren,
sondern diese Möglichkeit zu nutzen, um tief nach innen
einzutauchen und die egobezogene Identifikation und die vermeintliche
Trennung als unecht zu entlarven und die Wahrheit des Seins
zu entdecken.
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Wir
können
sehen, dass sich beide Seiten im Recht wähnen. Beide Seiten
führen einen Kreuzzug. Kreuzzüge sind eine Seuche,
die mit der Verbreitung von Religionen einhergeht. Davon scheint
keine Religion ausgenommen zu sein. Buddhisten töten Hindus
in Sri Lanka, während Hindus in Kashmir Moslems töten.
Juden töten Moslems in Palästina, während Moslems
Christen töten und Juden. Und natürlich haben Christen
zu bestimmten Zeiten immer wieder - unterschiedslos - andere
getötet.
Wenn wir
auf die biblische Idee von Gott schauen, finden wir die Projektion
eines primitiven Geistes, der versucht, die unerklärliche
Unermesslichkeit des Allumfassenden zu erklären. Gott,
die allumfassende Totalität der Existenz, wird zur Idee
des „einen Gottes“, und er gehört mir. Zuerst
haben die Hebräer ihren „einen Gott“, und
dieser „sagt“ ihnen, alles zu töten, was auf
ihrem Weg ins Heilige Land im (eigenen) Weg ist, denn „ihr
seid mein auserwähltes Volk“. Darüber sind
nun andere sehr verstimmt - bis Jesus erscheint; und nun können
alle Heiden, von den Römern bis zu den germanischen Horden,
von sich sagen, es gebe nur einen Gott und er ist für
meine Sünden gestorben und er sagt, ich solle alle Ungläubigen
töten.
Das wiederum
muss nun die Araber sehr aufgebracht haben, bis Mohammed erklärt,
dass es in der Abstammungslinie von Abraham, Moses und Jesus
nun Mohammed gebe, zu dem Gott spricht und der ihm sagt, es
gibt nur einen Gott, und er gehört uns!
Dieser primitive
Glaube an einen vermenschlichten Gott ist eine Form von Anbetungskult.
Es ist die Wurzel enormen Leidens in der Welt. Zur Zeit werden
bei uns Menschen, die von sich behaupten, Gott spreche zu ihnen,
indem er sie von paranoiden Verschwörungen in Kenntnis
setzt und ihnen auch häufig gebietet, von Kirchtürmen
zu schießen, mit Medikamenten behandelt und medizinisch
versorgt.
Erst, als
ich nach Europa kam, hörte ich vom Wahnsinn der anderen
Seite: der halbfertige Lehrer der „Nicht-Dualität“,
der die Frage stellt: „Warum denn weinen, da doch niemand
stirbt?“ Diese Ignoranz, die als Erleuchtung daherkommt,
ist ein weiterer spiritueller Glaube, der Leiden erzeugt, und
das im Namen von „es gibt ja niemanden, der leidet“.
Ich möchte jeden bitten, der dies lehrt, für einen
Moment in Erwägung zu ziehen, ob hier nicht etwas vermieden
wird, ein tiefer Schmerz womöglich, oder ein Ausagieren,
von dem man sich mit Hilfe einer spirituellen Idee dissoziiert.
Wahren Lehrern
bricht es das Herz, all das Leiden in der Welt. Der Guru meines
Gurus, Ramana Maharshi, sandte meinen Lehrer Papaji zurück
in den Punjab, um seine Familie vor den Massakern zu retten,
die dort nach der Teilung des hinduistischen Indiens im moslemischen
Pakistan bevorstanden.
Wenn also
die Idee von Gott ein Mythos und die Idee von „Nicht-Dualität“ ein
Ausweichen in spirituelle Trance ist, was ist dann die Alternative?
Wenn du gewillt bist, dein Leben als egobezogene Identität
hinzugeben, damit das Leiden aufhören kann, dann ist das
ein Anfang. Darin findet kein Kreuzzug statt, kein Missionieren,
es gibt niemanden außerhalb deiner selbst, dem zu predigen
oder der zu belehren wäre, nur dein eigener Mind, der
untersucht und hinterfragt wird.
Was aufgedeckt
wird, sind der Schrecken und die Wut, die allem Unrecht und Übel
zugrunde liegen. Was aufgedeckt wird, ist die Ignoranz, die
die Wurzel allen Leidens ist. Es fällt nicht schwer, die
Ignoranz der amerikanischen Regierung zu sehen und das Leiden,
das dadurch hervorgebracht wird, es fällt nicht schwer,
die Ignoranz von bin Laden zu sehen und das Leiden, das daraus
entsteht. Fang da an, wo du bist. Sei du ein Leuchtfeuer von
stiller Liebe und strahl es aus, in Frieden. Andere werden
es auffangen, und einer nach dem anderen wird die Welt erwachen.
Jemand hat
mir auch erzählt, dass ihr „nicht-dualistischer“ Lehrer
ihnen sagte, man solle beim Anschauen der Schreckensbilder
im Fernsehen keine Präferenzen haben. Das ist mehr desselben
halbgaren Wahnsinns. Hättest du keine Präferenzen
hinsichtlich dessen, ob die Taliban in Deutschland regierten?
Dieser Artikel, dieses Magazin und ein Großteil deines
Lebens wären illegal.
Du wärst
gezwungen zu kollaborieren oder in den Untergrund zu gehen.
Kannst du wirklich behaupten, du hättest keine Vorlieben?
Nicht-Dualität ist Unterscheidungen gegenüber nicht
blind. Tatsächlich werden die subtilen Unterschiede, die
in einem stillen Mind zutage treten, noch viel klarer erkannt.
Die Welt wird nicht zu einem Mus von Einheitsbrei. Die großen
und die kleinen, subtilen Unterschiede erscheinen mit größerer
Klarheit, wenn der Mind zur Ruhe kommt.
Alles hat
seinen Ursprung in einem stillen Mind und ein stiller Mind
ist der heilende Nektar. Wenn du dich selbst als Stille erkennst,
dann bist du natürlicherweise im Dienst, du bist natürlicherweise
offen, natürlicherweise bereitwillig, ohne dass du von
Glauben oder spirituellen Konzepten geleitet wirst. Wenn du
feststellst, dass du dich von einem Konzept leiten lässt,
sei es die Idee von Gott oder die Idee von Einheit, dann lebst
du immer noch in Ideen und du verpasst sowohl die Wirklichkeit
als auch die Welt.
Warum nicht
dankbar sein für die Freiheit, die uns das Leben in einer
Gesellschaft wie der unseren gewährt? Das wollen wir nicht
verleugnen, und genausowenig wollen wir uns damit auf Kosten
anderer zufriedengeben.
Lasst uns
einer um den anderen die Möglichkeit eines stillen Mind
und eines offenen Herzens umarmen, das Leiden in der Welt ertragen
und ihr zum Frieden verhelfen.
Eli Jaxon-Bear
19 October
2001
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