Eli,
alle Menschen, denen ich begegne, wünschen sich, dass
ihre Beziehungen friedvoll und harmonisch sind. Wie kommt
es dazu, dass es in der zwischenmenschlichen Beziehungs-Arena,
die ja die Chance einer wahrhaftigen Begegnung bietet, so
oft zu einem nicht enden wollenden Krieg kommt, selbst wenn
es ein kalter Krieg bleibt?
Der Körper ist wie alle anderen Körper eine Überlebensmaschine.
Solange wir nicht hinschauen und unsere Identifikation als
Körper nicht hinterfragen, werden wir von den unterbewussten Überlebensmechanismen
des Körpers gesteuert. Das Ego ist ein hochentwickelter
Schaltkreis, es ist der beste Überlebensmechanismus, den
das Körperreich hervorgebracht hat, es gestattet der Menschheit, über
die Erde zu herrschen und sie zu zerstören.
Da nun
das Ego eine Überlebensmaschine ist und da die meisten Menschen
aus dem Ego leben, nehmen die Überlebensstrategien gegenüber
allen anderen Verhaltensmustern eine Vorrangstellung ein.
In einem
egobezogenen Leben ist man auf der Hut; man schützt
sich, man verschließt sich und hält Ausschau nach
Verrat. Nicht nur Gefühle von Überlegenheit, auch
Gefühle von Unterlegenheit sind Überlebensstrategien.
Andere zu beurteilen, deren Fehler ausfindig zu machen, sich
einsam und isoliert zu fühlen, Bündnisse zu suchen,
die "Freundschaften" heißen – all das
sind Überlebensstrategien.
Bei alledem
handelt es sich um Überlebensmuster, die
als solche zwar nützlich und hilfreich sind, doch eine
wahrhaftige Begegnung in Offenheit und Verletzlichkeit ist
vor diesem Hintergrund nicht möglich. Die meisten Menschen
erleben Momente, in denen sie sich entspannen und offen sind;
wenn sie sich mit jemandem sicher fühlen und etwas Tieferes,
etwas völlig Offenes und Unschuldiges sich zeigen darf.
Für gewöhnlich ist dies eine schnell vorübergehende
Erscheinung, bevor man sich dann wieder hinter seinem Schutzwall
verschanzt.
Man kann
das auf sehr einfache Weise betrachten: In jedem Moment bietet
sich die Möglichkeit, offen zu bleiben oder
sich zur Wehr zu setzen. In einem Dschungel voller tödlicher
Gefahren, wo es dich in jedem Augenblick erwischen kann, scheint
die Verteidigung die logische Entscheidung. Allerdings können
wir mittlerweile sehen, wie aufgrund des uneingeschränkten
Wahnsinns der egobezogenen Verteidigungs- und Abwehrstrategien
sich unsere Welt am Rande der Auslöschung befindet.
All
die Grausamkeiten, denen wir in der Welt begegnen, lassen
sich auf die egobezogenen Schutz- und Abwehrmechanismen zurückführen.
Jetzt stehen wir also vor der Wahl, uns zu öffnen und
dafür alles zu riskieren. Das braucht Mut. Da die Abwehrmuster
auf einer unbewussten Ebene greifen, braucht es die Bereitschaft,
den eigenen Egostrukturen aufzuspüren und sie aufzudecken,
damit das Unbewusste ans Licht kommt. Andernfalls werden selbst
die besten Absichten, einander in Offenheit und Liebe zu begegnen,
unbewusst von den (noch) nicht hinterfragten Abwehrmechanismen
untergraben.
Es
scheint ja nun nicht leicht, diese Perspektive unvermittelt
zu verändern. Lassen sich denn im alltäglichen
Leben notwendige Schritte unternehmen oder Zeichen erkennen,
die in die rechte Richtung führen? Gibt es eine richtige
Richtung?
Die richtige
Richtung ist die, welche aus dem Kopf heraus und zurück
ins Herz führt. Die richtige Richtung führt hin
zu Offenheit und Liebe und weg von Angst und Schutzverhalten.
Der erste
Schritt ist der, das Leiden in deinem eigenen Leben zu bemerken
und diesbezüglich ehrlich zu sein. Dann gilt es herauszufinden,
wodurch dieses Leiden verursacht wird. Die meisten Menschen
sind der Meinung, die Ursache liege bei den äußeren
Umständen.
Wir glauben,
wenn wir unsere Umstände ändern könnten, wenn
unsere Beziehungen untereinander, die Beziehungen zu unseren
Eltern, wenn unsere Vergangenheit anders wäre, dann
wären wir glücklich. Weisheit zeigt sich, wenn
wir einsehen, dass ein aufgrund von Veränderungen in
den Umständen herbeigeführtes Glück nicht
lange anhält. Alles Glück, welches auf äußeren
Umständen beruht, erweist sich als vorübergehend
und von kurzer Dauer.
Wenn du
erkannt hast, dass selbst die besten Zeiten kein dauerhaftes
Glück hervorbringen, weil sie Veränderungen unterworfen
sind, kannst du tiefer sehen, um die Ursache des Leidens
aufzudecken. Selbst wenn du damit beginnst, im Außen
zu schauen, kannst du erkennen – sofern du ein Opfer
bist – dass du ein Opfer bist von Ignoranz und Gier.
Es ist weise, wenn du die Ignoranz, die Gier und die Aggressionen
aufspürst, die unterbewusst in deinem eigenen Mind*
ablaufen. Du kannst nur deinen eigenen Mind ändern,
niemals den eines anderen.
Sobald
du siehst, dass dein Leben von unterbewussten Mustern gelenkt
wird, über die du anscheinend keine Kontrolle hast,
ist das ein gutes Zeichen. Du wirst anfangen zu bemerken,
und zwar in jedem Augenblick deines alltäglichen Lebens,
dass, unabhängig von deinen Ideen und Interpretationen über
das, was vor sich geht, etwas Tieferes abläuft. Dies
ist der Anfang der Suche, die sich nach innen kehrt, um die
Wurzel des eigenen Leidens zu finden.
Viele
Menschen fühlen einen starken Drang nach einer fundamentalen
und vollständigen Veränderung in ihrem Leben.
Sie wünschen sich zutiefst mehr Gerechtigkeit, mehr
Frieden, Glücklichsein und Liebe.
Es
ist mir klar, dass dieses Bedürfnis grundsätzlich
in allen Menschen angelegt ist, aber es existieren doch
deutliche Unterschiede in der Intensität dieses Verlangens.
Wie kommt es zu diesem Unterschied, was macht ihn aus?
Und besteht ein Zusammenhang zwischen diesem starken Willen
nach etwas Besserem und dem Leiden, das in den zwischenmenschlichen
Beziehungen erscheint?
Es ist
ein großes Glück, wenn jemand das Leiden in der
Welt nicht (mehr) ertragen kann. Die meisten sind gewillt,
alles Andere dem persönlichen Komfort und Überleben
zu unterwerfen. Es zeugt von spiritueller Reife, nach einer
Welt zu verlangen, in der Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden
und Liebe herrschen.
Wenn du
das Leiden in deinem persönlichen Leben und das Leiden
auf der Erde ignorierst, dann lebst du ein Leben in Ignoranz.
Ignoranz ist die Wurzel allen Leidens, was bedeutet, dass
ein Leben in Ignoranz Leiden hervorbringt, denn die Wurzel
der Angst und des Verlangens ist die Ignoranz.
Für
jemanden, der den Schmerz des Erleidens von Ungerechtigkeiten
fühlt, ist es sehr leicht, die Ignoranz der anderen
zu sehen. Schwieriger und wichtiger ist die Bereitschaft,
die eigene Ignoranz zu sehen und aufzudecken. Du kannst nur über
deinen eigenen Mind verfügen und ihn ändern, niemals über
den eines anderen, diese Macht ist dir nicht gegeben.
Mit dieser
Macht, deinen eigenen Mind zu ändern, hast du die Kraft,
die Welt zu verändern. Wenn du gewillt bist, die Ignoranz
da zu beenden, wo du dich befindest, dann gibt es Hoffnung
für die Welt.
Die
Menschen, die mit dir in den Retreats sind, werden oft
dazu aufgefordert, in so genannten "Übungen" füreinander
ein 'wahrer
Freund' zu sein. Was ist die grundlegende Absicht, wenn
man in Beziehungen diesen besonderen Standpunkt einnimmt?
Und was lehrt es?
Wenn du
erleuchtet bist, siehst du überall die Wahrheit des
einen Selbst. Du begegnest jedem Wesen als Manifestation
deines eigenen Selbst. Insofern ist es eine Begegnung in
Offenheit und Liebe. Wenn du deiner eigenen Natur erwacht
bist, liebst du die Stille selbst, die Wahrheit selbst, die
Liebe selbst. In der Stille erkennst du, dass du das bist.
Und also begegnest du dir selbst mit Stille, mit Wahrheit
und Liebe, innen genauso wie außen.
Wenn du
nicht erleuchtet bist, dann kannst du so tun als ob. Wenn
du gewillt bist, ganz offen zu sein, wenn du gewillt bist,
deine persönlichen Anliegen beiseite zu lassen und dem,
was sich dir zeigt, vollkommen zur Verfügung zu stehen,
dann bist du ein wahrer Freund. Ein wahrer Freund hat ein
offenes Herz und einen ruhigen Mind. Darin erkennst du die
Wahrheit dessen, was du als 'ich selbst' bezeichnest, die
Wahrheit dessen, was du 'das andere' nennst, und die Wahrheit
der Situation.
Dann ist
dein Leben ein Leben, das im Dienst steht, und ein Leben
der Liebe.
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Gibt
es denn Techniken oder besondere Verhaltensweisen, die in
dieser ewigen Suche des Menschen nach tiefem Frieden und
nach Liebe das diesbezügliche Erkennen fördern?
Was hilft am besten? Lässt sich das lehren, verstehen,
auf die eine oder andere Art verbessern?
Keine Technik
kann dich zur Selbsterkenntnis führen, denn die Freiheit
ist bedingungslos. Weder Bedingungen noch Verhaltensweisen
können dich zur Freiheit führen und ebenso wenig
können sie dich von ihr fern halten.
Was am besten
hilft, ist das tiefe Verlangen nach Wahrheit und die Bereitwilligkeit,
die Wahrheit zu erkennen, koste es was es wolle. Alles, was
es dazu braucht, ist diese Bereitwilligkeit. Alles, was zwischen
dir und deinem Wunsch steht, wird sich zeigen, um erfahren
zu werden. In der Bereitschaft, alles zu ertragen, offenbart
sich die Erkenntnis: im Angesicht des großen Mysteriums
der göttlichen Liebe erweisen sich alle Hindernisse als
unwesentlich, sie haben keine Substanz.
Je tiefer
du dich der Liebe hingibst, um so leichter wird sich die Gnade
der Liebe offenbaren, indem sie dir die Wahrheit deines Seins
enthüllt.
Seitdem
ich mit dir in Verbindung bin, habe ich dieses Gefühl
von großer Kraft – nicht Stärke, die auf einer
(persönlichen) Macht beruht, sondern eine Kraft, die sich
auf eine nicht korrumpierbare Festigkeit stützt; nichts,
was auftaucht und erscheint, kann das, was ist, beeinträchtigen.
Es gibt mir die Möglichkeit, einfach zu sein, ohne die Forderung,
anders zu sein als ich bin. Und gleichzeitig bewirkt es ein klares
Sehen.
Ich
kann die Lügen sehen, ich kann sehen, wenn ich
etwas anderes vorgebe, wenn ich eine Schutzmauer aufbaue. Und
ich selber verändere mich. Zum ersten Mal finden Begegnungen
in einer lebendigen Wirklichkeit statt, die ich jetzt in Beziehung
setze zu dem Glauben und der Zuversicht, von denen ich in meiner
Kindheit hörte; wie ein tiefes Vertrauen in die grundlegende
Güte des Lebens. Woraus besteht dieser Glaube?
Ich bin mir
nicht ganz sicher, was du genau mit Glaube meinst. Für mich bedeutet Glaube im allgemeinen ein Glaube an etwas
Unbekanntes, wobei sich dieser Glaube auf keine logische Grundlage
stützt. Religionen benutzen diese Art von Glauben, um den
unwissenden Mind an bestimmte Glaubensmuster zu binden.
Vielleicht
meinst du mit Glaube das, was ich Vertrauen nennen würde.
Vertrauen kann in einem bestimmten Stadium der bewussten Entwicklung
von großem Nutzen sein.
Vertrauen
ist nicht blind wie der Glaube. Der Glaube erfordert das Glauben
an etwas Unbekanntes. Kein Glaube ist erforderlich, um die
Wahrheit zu erkennen. Das Vertrauen hat den Beweis gesehen
und weiß um dessen Wirklichkeit. Dann bleibst du auch im
Angesicht der alten Schwungkraft und Konditionierung, trotz der
Versuchung zum Verrat und zur Verleugnung standhaft.
In diesem
Vertrauen bleibst du dem, was du als wahr erkannt hast, treu.
Das führt zu einer unerschütterlichen Festigkeit. Wenn
du die Wahrheit kennst und dich in deinem Selbst verwurzelst,
dann ist schlussendlich nicht einmal Vertrauen nötig, denn
du bist einfach nur du selbst. Das ist es, wonach jeder dürstet:
wahrhaftig selbst zu sein.
Ich sehe,
dass all die Konflikte mit meiner Frau aus meinem "Tun" erfolgen,
das ich in den gegebenen Umständen an den Tag lege. Es ist,
als ob mich dieses 'ein wahrer Freund' sein, nun dazu bringt,
ihr die Wahrheit über das, was ich sehe und bemerke, auch
zu sagen.
Und sie
versteht nie, was ich sage und projiziert auf mich, dass
ich über sie oder die anderen urteile. Und das
ist ja auch wahr, und im übrigen hat sie mich in solchen
Situationen nie verstanden. Wie können wir einander helfen,
unbewusste Muster und nicht hinterfragte Abwehrmechanismen aufzudecken?
Ja, ich habe
tiefes Verständnis für deine Situation.
Jeder kennt wohl dieses Problem. Und jeder kann beim anderen
die Ignoranz erkennen. Je tiefer du aus der Trance des Lebens
erwachst, umso tiefer kannst du sehen, wie andere Menschen nachtwandeln.
Im alltäglichen egobezogenen Leben wählen wir unsere
Freunde nach dem Schema aus, dass sie für unsere Trance
einstehen, und wir bestätigen die ihre. Daraus ließe
sich schließen, dass es doch die Aufgabe des wahren Freundes
ist, die Aufgabe des Erleuchteten, die anderen darauf hinzuweisen,
dass und wie sie schlafen?
Unglücklicherweise hat man das
schon seit Jahrtausenden versucht, gänzlich ohne Erfolg.
Einem anderen seine Fehler vorzuhalten heißt predigen,
nicht lehren. Nur der egoistische Mind wird sich anmaßen,
anderen vorzuhalten, was sie nicht hören wollen. Besser
ist es, still zu bleiben.
Andererseits
gibt es auch solche, die sich Hilfe wünschen,
die darum gebeten haben, dass man ihnen nichts durchgehen lässt.
In einem solchen Fall ist die beste und die höchste Lehre
jene, die den gegebenen Augenblick in zeitlose Selbsterkenntnis
wandelt.
Das Zweitbeste
ist, wenn in diesem Augenblick der Boden für zukünftige Erkenntnis bereitet wird. Bei allem
anderen handelt es sich entweder um erziehen oder predigen.
Manche Tiere
müssen erzogen werden. In einem bestimmten
Stadium unserer Beziehung musste meine Frau mich erziehen und
gesellschaftsfähig machen. Aber auch hier gilt, dass Erziehung
nicht gleichbedeutend ist mit ausschimpfen. Zur Erziehung gehört
ein bereitwilliger Schüler. Haben sich beide Partner der
Wahrheit verpflichtet, ist alles hilfreich, wenn es funktioniert.
Meine Frau hat mich einmal vor nunmehr fast zwanzig Jahren nachts
um zwei Uhr aufgeweckt, um mich mit einer Lüge zu konfrontieren,
die unbewusst nur knapp unter der Oberfläche ablief. Ich
wollte mir das nicht ansehen, denn mir gefiel die Lüge,
sie sicherte mir mein Vergnügen.
Obwohl ich
mich anfangs dagegen wehrte, dass sie mich aus dem Schlaf gerissen
hatte, so wurde ich doch nüchtern und sehr klar, sobald ich gewillt
war, mich der Wahrheit der Situation zu stellen, und was zuvor
versteckt war, wurde offensichtlich. Hierin liegt der große
Wert, einen wahren Freund zu haben, der bereit ist, sich der
wütenden Verleugnung auszusetzen, und hierin liegt das große
Glück, ein williger Schüler zu sein.
Die beste
Beziehung ist die, in der beide Partner bereit sind, sich der
Wahrheit zu stellen und die Beziehung auch zu verlassen, wenn
sie nicht in der Wahrheit gründet. In allen anderen
Beziehungen ist es für gewöhnlich am gescheitesten,
still zu bleiben, solange man nicht gefragt wird. Und so liebevoll
und freundschaftlich zu sein, dass man uns um unsere Hilfe bittet,
um klarer zu sehen. Von hier aus ist alles möglich.
* Mind:
Ich-Konzept. Es gibt im Deutschen keine angemessene Übersetzung
dieses Begriffs. Geist, denkender Geist, Verstand, Psyche, Körper-Verstand-Mechanismus,
Identifikation mit den Gedankenprozessen sind alles unzulängliche
Begriffe eines komplexeren Phänomens (Anm.d.Übers.)
Das Interview
führte
Bertrand Coquoz
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